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Selen - Spurenelement "falsch verstandener Liebe"

©gadini_pixabay.comImmer wieder erhitzte Gemüter unter Pferdeleuten! Diskussionen um den Selenbedarf ihrer Tiere sind fast überall auf der Tagesordnung. „Wir leben in einem Selenmangelgebiet“ hört man ständig. Diese Aussage schürt die Angst des Tierhalters vor einer möglichen Selen-Unterversorgung seines Tieres. Folglich wird in wohlgemeinter Absicht regelmäßig mit Mineralfutter oder mineralisierten Müslis bzw. Hundefutter supplementiert – häufig bis zur Schwelle des toxischen Selen-Grenzwerts - und darüber hinaus!

Die Spanne zwischen lebensnotwendigem Bedarf und Toxizität ist bei kaum einem anderen Spurenelement ähnlich eng. Einerseits ist Selen von großer Bedeutung für die Gesundheit der Pferde und Hunde (und natürlich des Menschen). Andererseits ist Selen als gefährliche Substanz mit toxischem Potential. Selen ist für Pferde und Hunde unentbehrlich und muss mit der Nahrung aufgenommen werden. Selen ist Bestandteil zahlreicher Eiweiße (Selenoproteine), die im Stoffwechsel wichtige enzymatische Funktionen ausüben, unter anderem Schutz des Körpers vor Zellschädigung bzw. Zellzerstörung durch freie Radikale und Entgiftung des Organismus. Das Tückische jedoch: Die durch eine Selenüberversorgung (2 mg täglich für Pferde bedeutet die Schwelle zur chronischen Toxizität) ausgelösten Symptome sind z.T. identisch mit Selenmangelsymptomen: Muskelschwäche und –schmerzen, steifer Gang, unspezifische Lahmheit, Haar- und Fellverlust. Charakteristische Zeichen der chronischen Selenvergiftung sind ringförmige Einschnürungen an den Hufen bis schlimmstenfalls zum gefürchteten Ausschuhen. Auch bröckelige Hufe, gehäuftes Auftreten von Hufgeschwüren und die Entwicklung von Hufrehe können Zeichen eines chronischen Selenüberschusses beim Pferd sein. Zu hohe regelmäßige Selengaben gelten nachweislich als Risikofaktoren bei der Entstehung von Insulinresistenz und damit von EMS und Diabetes Typ 2.

Ist Deutschland überhaupt ein Selen-Mangelgebiet?

Die Festlegung der Selenmindestwerte für Pferde wurde ursprünglich in der sehr selenreichen Region des Weizengürtels in den USA vorgenommen. In Relation sind Deutschlands Böden selenarm, so dass der Selen-Referenzwert für in Deutschland lebende Pferde willkürlich hochgeschraubt wurde. Verschiedene Studien an gesunden Pferden ergaben stark voneinander abweichende Blut-Selenwerte – häufig deutlich unterhalb des festgelegten unteren Grenzwertes! Demnach leiden alle unsere Pferde unter einem definierten, festgelegten Selenmangel! In Hinblick auf die außerordentliche Leistungsfähigkeit und Zähigkeit von Pferden aus dem Gebiet des selenarmen Trakehnens (ehemals bedeutendstes Pferdezuchtgebiet) mit immer schon ausgesprochen niedrigen Selengehalten im Gras, Heu und Getreide muss im Rahmen der Evolution (auch vor Jahrhunderten bewiesen Pferde eine außergewöhnliche Leistungsstärke) wohl eher von einem geringeren Selenbedarf als dem willkürlich definierten (100-200 μg/l) ausgegangen werden. Genau dies bestätigt nun eine Studie aus dem Jahr 2017 (Tierärztliche Praxis Großtiere 6/2017. Selen-Konzentration im Serum und Glutathionperoxidase-Aktivität im Vollblut bei gesunden adulten Pferden. Felicia Wolff et al): Bei knapp 50% der untersuchten – gesunden(!) - Pferde lagen die Serumselen-Werte unterhalb dieses Referenzbereichs. Daher gilt der bisherige Grenzwertbereich von 100-200 μg/l als zu hoch angesetzt. Stattdessen wird aktuell ein Referenzbereich von 70-170 μg/l empfohlen. Immerhin. Vermutlich ist noch vertretbarer Spielraum nach unten. Aber die entsprechenden Se-Ergänzungsmittel wollen auch verkauft werden!

Erschwerend kommt hinzu, dass die Auswertung von Blut-Selenwerten bekanntlich schwierig ist: Zum einen sind Selen- und Zinkstoffwechsel (und auch der Manganstoffwechsel) offenbar eng miteinander verknüpft. Denn ein sehr niedriger Selenspiegel lässt sich durch Zinkgaben anheben, was vermuten lässt, dass Pferde in diesen Fällen eher an Zink- als an Selenmangel leiden. Zum anderen korrelieren die Selenwerte im Blut nicht mit denen im Gewebe. Bei Selenmangel entzieht der Körper dem Blut Selen und füllt seine Gewebespeicher auf.
Die Folge: Selenmangel im Blut bei gleichzeitigen Normalwerten oder gar Se-Überschuss im Gewebe. Für die Selenversorgung des Pferdes spielt die Bioverfügbarkeit des Selens eine zentrale Rolle: In Pflanzen gebundenes organisches Selenmethionin bzw. Selencystein scheint besser verwertbar zu sein, jedoch schlechter ausgeschieden werden zu können (Gefahr der Anreicherung im Körper). Anorganisches Natriumselenit bzw. –selenat hingegen ist für das Pferd schlechter bioverfügbar, d.h. ein Großteil wird ungenutzt ausgeschieden.

Viele Pferde- und Hundebesitzer meinen es natürlich gut und greifen zu Müslis, industriellem Mineralfutter bzw. Hunde-Trockenfutter, um ihre Tiere ‚bedarfsgerecht‘ zu versorgen. Jedoch kann dies zu einer erheblichen Überschreitung der an sich schon zu hoch angesetzten Selen-Grenzwerte führen. Sinnvoll wäre eine Selen-Ergänzung über Paranüsse, Kokosnüsse, Hülsenfrüchte, Getreide und auch Knoblauch. Bei Hunden auch über Fleisch, Innereien, Fisch, Eier und Käse.

Mehr Informationen zu Selen finden Sie auch auf artgerecht-tier.de

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