Pferdefütterung – gesünder durch Entschleunigung

01/K

Viele Pferde zeigen heute gesundheitliche Probleme, die sich nicht eindeutig zuordnen lassen. Sie wirken angespannt, reagieren sensibel auf Veränderungen, verlieren an Leistungsfreude oder entwickeln immer wieder Verdauungsstörungen. Magengeschwür, Kolik, Kotwasser oder chronischer Durchfall sind für viele Pferdehalter längst keine Ausnahme mehr, sondern ein bekanntes Thema. Dabei liegt die Ursache oft nicht allein im Futter, sondern in einem komplexen Zusammenspiel aus Haltung, Fütterung und vor allem Stress.

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Das Pferd besitzt ein äußerst sensibles Nervensystem

Stress hat beim Fluchttier Pferd tiefgreifende Auswirkungen auf den gesamten Organismus, denn sein Nervensystem ist darauf ausgelegt, Gefahren frühzeitig wahrzunehmen und blitzschnell zu reagieren. Diese hohe Sensibilität, die in freier Natur überlebenswichtig war, wird in der heutigen Haltung jedoch häufig zur Herausforderung. Viele Pferde leben unter Bedingungen, die ihr Nervensystem dauerhaft aktivieren. Denn Stress entsteht nicht nur durch außergewöhnliche Ereignisse wie ein Turnier, einen Transport oder einen Stallwechsel, sondern viel häufiger durch alltägliche Faktoren. Der Körper unterscheidet dabei nicht zwischen echter Lebensgefahr und den Belastungen des modernen Alltags, sondern er reagiert biologisch immer nach demselben Muster: Wird Stress wahrgenommen, etwa durch Futterkonkurrenz, Unruhe im Stall, Zeitdruck bei der Fütterung, mangelnden Auslauf oder wechselnde Bezugspersonen, aktiviert das Gehirn das autonome Nervensystem. Der Sympathikus, zuständig für Alarm, Flucht und Leistungsbereitschaft, übernimmt die Kontrolle. Gleichzeitig wird der Parasympathikus gehemmt, also jener Teil des Nervensystems, der für Ruhe, Regeneration und Verdauung verantwortlich ist. In diesem Zustand ist langsames, ruhiges Fressen biologisch kaum möglich. Das gestresste Pferd nimmt größere Bissen auf, zieht Halme hastig aus dem Heu, kaut weniger und schluckt schneller. Die feine Abstimmung zwischen Maul, Kiefermuskulatur und Nervensystem geht verloren. Gleichzeitig wird das körpereigene Sättigungssignal verzögert wahrgenommen. Daraus folgend wird ein aus evolutionsbiologischer Sicht ursprüngliches Überlebensprogramm abgespult, indem so lange Nahrung aufgenommen wird, solange diese verfügbar ist. Dieses Verhalten ist neurologisch gesteuert und entzieht sich weitgehend der bewussten Kontrolle. Unter chronischem Stress bleibt dieses Muster oft dauerhaft aktiv, auch wenn objektiv ausreichend Futter vorhanden ist. Besonders problematisch ist, dass sich dieses Verhalten mit der Zeit verfestigt. Das Nervensystem lernt, Fressen mit Anspannung zu verknüpfen. Selbst wenn die äußeren Stressoren reduziert werden, bleibt das schnelle Fressen oft bestehen. Das Pferd hat verinnerlicht, dass Futter eine knappe oder unsichere Ressource ist. Diese Konditionierung lässt sich nicht einfach wegtrainieren, sondern erfordert eine bewusste Umgestaltung der Fütterungs- und Haltungsbedingungen.

Futterstress macht Pferde krank

In natürlicher Umgebung verbringt das Pferd viele Stunden auf der Weide, frisst langsam, kaut intensiv und produziert große Mengen Speichel. Der Magen beim Pferd ist daher im Verhältnis zur Körpergröße klein und für eine langsame, dafür aber nahezu kontinuierliche Futteraufnahme konzipiert. Stressbedingte Eile beim Fressen hat direkte gesundheitliche Folgen. Durch das reduzierte Kauen wird deutlich weniger Speichel produziert. Speichel ist jedoch essenziell, um die Magensäure zu puffern und den Magen zu schützen. Besonders wichtig ist dabei die Regelmäßigkeit. Der Pferdemagen produziert rund um die Uhr Säure, unabhängig davon, ob gefressen wird oder nicht. Kommt es zu längeren Fresspausen oder hastigem Fressen, fehlt der schützende Effekt des Speichels. Die empfindliche Magenschleimhaut wird gereizt, ein Magengeschwür kann entstehen. Bei hastigem Fressen wird der Magen zudem schneller gefüllt, überdehnt und stärker belastet.

Auch der Darm reagiert äußerst sensibel auf Stress. Wenn unzureichend vorbereiteter Futterbrei in den Darm gelangt, begünstigt dies Verschiebungen der Darmflora mit Fehlgärungen und erhöhter Durchlässigkeit der Darmschleimhaut. Auch Veränderungen der Darmbewegung (Peristaltik) sind bereits durch geringe Reizungen des Nervensystems möglich. Häufige Konsequenzen dieses Zusammenspiels sind Koliken, Blähungen, Durchfall und Kotwasser, aber auch eine schlechte Nährstoffaufnahme. Unter Stress werden zudem Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Sie versetzen den Körper in einen Zustand erhöhter Wachsamkeit und innerer Anspannung. Muskeltonus, Herzfrequenz und Atemfrequenz steigen, während die Durchblutung des Magen-Darm-Trakts reduziert wird und die Schleimhaut sich schlechter regenerieren kann. Verdauung hat in dieser Situation keine Priorität, der Organismus des Pferdes ist eher darauf ausgerichtet handlungsbereit zu sein. Gleichzeitig verändert Stress die Wahrnehmung von Zeit und Sicherheit. Für das gestresste Pferd fühlt sich die Umgebung unruhig und potenziell bedrohlich an. Fressen wird dann nicht als entspannte Tätigkeit erlebt, sondern als etwas, das möglichst schnell abgeschlossen werden muss.

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Entschleunigung ist Heilung

Obwohl der Zusammenhang zwischen Stress und Verdauung eigentlich gut erforscht ist, wundern sich immer noch viele Pferdehalter über chronische Magen-Darm-Probleme, deren Ursache nicht eindeutig zuzuordnen ist. Ein wichtiger Ansatz zur Vorbeugung solcher Beschwerden ist die Entschleunigung der Fütterung. Eine zweimal tägliche schnelle Nahrungsaufnahme mit langen Pausen dazwischen entspricht nicht dem natürlichen Bedarf des Pferdes und viele Tiere entwickeln dadurch inneren Druck, Frust und Futterstress. Um eine kontinuierliche Futteraufnahme zu ermöglichen, sollte Heu möglichst, wenn auch nicht ausschließlich, über Heu-Taschen / Heu-Bags angeboten werden. Das langsame Herausziehen einzelner Halme aus den Öffnungen entspricht dem natürlichen Verhalten und wirkt beruhigend auf das Nervensystem. Vorsicht bei schmalen Heunetzen: Die oft harten Kunststoffnetze können zu einem erhöhten Zahnabrieb führen und die Bänder können sich in den Zähnen verfangen und zum Kieferbruch führen. Sehr breitbandige Netze oder Taschen/Bags mit Öffnungen sind besser geeignet. Durch das ständige Kauen ist das Pferd nicht nur beschäftigt, sondern es wird auch die Speichelsekretion angeregt. Auf der Weide kann bei hektischen Pferden die Verlängerung der Fresszeit über das Anlegen einer Fressbremse erreicht werden. Die Zeit sollte aber unbedingt begrenzt werden, um unnötigen Zahnabrieb vorzubeugen und dem Pferd weiterhin auch Sozialkontakte über Fellpflege zu ermöglichen. Bei höheren Temperaturen sollte ganz darauf verzichten werden, um die Luftzirkulation nicht zu beeinträchtigen. Kraftfutter lässt sich stressarm anbieten, indem es ungequetscht auf dem Boden verstreut wird. Es kann auch in einem Trog mit sehr großen Kieseln oder in speziellen Anti-Schling-Trögen bereitgestellt werden. So muss das Pferd selektieren, langsam fressen und intensiv kauen.

Sozialstress zeigt sich oft bei der Fütterung

Ein Pferd, das beim Fressen ständig wachsam sein muss, kann weder entspannen noch gesund verdauen. Daher darf auch Sozialstress als Faktor nicht unterschätzt werden. Vor allem sensible und rangniedrige Tiere leiden oft lange Zeit still und manchmal wird das Problem erst bei starkem Gewichtsverlust für den Tierhalter offensichtlich. In Gruppenhaltung empfinden viele Pferde das Fressen als Konkurrenzsituation und fressen hastig, kauen wenig und nehmen große Mengen in kurzer Zeit auf. Eine gute, stabile Gruppenstruktur mit Beobachtung des individuellen Verhaltens der Tiere ist daher bei Gruppenhaltung obligatorisch, vor allem wenn der Platz begrenzt ist. Es sollte immer mindestens ein Fressplatz mehr angeboten werden, als Pferde in der Gruppe vorhanden sind. Abhilfe bei Futterneid schafft auch ausreichend Abstand zwischen Heuraufen/Heubags oder ein einfacher Sichtschutz. Auch Stress, der durch den Sozialpartner Mensch ausgelöst wird, kann sich auf die Verdauung niederschlagen. Die Kommunikation sollte gelassen, klar und freundlich erfolgen und die Bindung durch ruhige Bodenarbeit gestärkt werden.

Schritt für Schritt zur gesunden Verdauung

In freier Natur legen Pferde während der Futteraufnahme im ruhigen Schritt täglich viele Kilometer zurück. Diese gleichmäßige Bewegung fördert die Darmtätigkeit und unterstützt eine gleichmäßige Verdauung. Fehlt ausreichend Auslauf, verlangsamt sich die Darmbewegung. Gasansammlungen, Fehlgärungen und Koliken treten häufiger auf. Bewegung hat insgesamt eine entspannende Wirkung auf das Pferd, weil dabei Stresshormone abgebaut werden. Besonders wirksam sind freies Gehen, lockeres Traben oder langes Schreiten. Diese Bewegungsformen wirken direkt beruhigend auf das Nervensystem. Sie fördern die Ausschüttung von körpereigenen Endorphinen und unterstützen eine emotionale Stabilisierung, was wiederum dem Verdauungstrakt zugutekommt. Vorsicht gilt bei Überforderung im Training, Leistungsdruck durch ständige Turnierteilnahmen und schmerzhaften Bewegungen, denn diese Beschäftigungsarten können den Stress verstärken und haben oft einen gegenteiligen Effekt.

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Kräuter beruhigen aufgebrachte Nerven und liefern Bitterstoffe

Viele Kräuter wirken auf das Nervensystem entspannend und beruhigend, ohne das Pferd zu sedieren. Hierzu zählen vor allem Melisse, Lavendel, Hopfen, Baldrian und Passionsblume, wobei die Kombination ausgewählter Kräuter ganz entscheidend für die Wirkung ist. Auch Mischungen mit Hanf können nervöse Tiere beruhigen und eine ausgleichende Wirkung erzielen. Wichtig zu wissen ist, dass sich ein gereiztes Nervensystem nicht über Nacht regeneriert. Verbesserungen brauchen oft viele Wochen und für eine Stabilisierung sind sogar mehrere Monate einzuplanen.

In der Natur nehmen Pferde regelmäßig bitterstoffhaltige Kräuter auf, denn Bitterstoffe regen den Speichelfluss sowie die Magen- und Gallentätigkeit an, fördern eine gesunde Darmbewegung und helfen, die Futterverwertung zu verbessern. Kräuter wie Löwenzahn, Wermut, Tausendgüldenkraut, Beifuß und Schafgarbe können gerade bei chronisch gestressten Pferden dazu beitragen, Verdauungsstörungen durch die enthaltenen Bitterstoffe abzumildern.

Fazit

Verdauungsprobleme beim Pferd sind selten Zufall. Sie entstehen oft dort, wo Stress dauerhaft auf ein sensibles System trifft. Erst wenn die Nahrungsaufnahme wieder als ruhige, sichere und kontinuierliche Tätigkeit erlebt wird, können Verdauung, Stoffwechsel und Wohlbefinden ins Gleichgewicht kommen. Durch eine naturnahe Fütterung, regelmäßige Bewegung und Rücksicht auf das empfindliche Nervensystem des Pferdes können sich Magen und Darm erholen. Denn Gesundheit beim Pferd beginnt oft dort, wo die natürlichen Bedürfnisse wieder Raum bekommen.