Hufrehe

Wenn der Stoffwechsel aus dem Gleichgewicht gerät

11/J

Hufrehe Titelbild und Foto 1

Hufrehe ist ein Begriff, der bei Pferdebesitzern oft Panik auslöst. Kaum eine andere Erkrankung ist so gefürchtet, denn sie kann schwerwiegende Folgen haben und im schlimmsten Fall sogar das Leben des Pferdes bedrohen. Doch Hufrehe entsteht nicht plötzlich aus dem Nichts. Sie ist meist das Ergebnis einer längeren Entwicklung und einer Kombination verschiedener Ursachen.

Wir zeigen in diesem Beitrag, wie man Hufrehe erkennt und wie betroffene Pferde durch Kräuter, eine gezielte Nährstoffversorgung und ein angepasstes Weidemanagement wirksam unterstützt werden können.

Hufrehe verstehen

Hufrehe ist eine Entzündung der Huflederhaut (Laminitis), welche das Hufbein elastisch mit der Hornkapsel verbindet. Besonders häufig sind die Vorderhufe betroffen, doch auch Hinterhufe oder alle vier Hufe können erkranken. Im gesunden Zustand sorgen fein verzweigte Kapillaren für eine kontinuierliche Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen. Wird diese Mikrozirkulation gestört, entzündet sich das Gewebe. Die kleinen Gefäße verengen sich oder verstopfen und die Blutzirkulation bricht in bestimmten Bereichen zusammen. Die Folge sind Sauerstoffmangel und Schäden im Gewebe, die zur Narbenbildung führen können. Die Lamellen, welche das Hufbein wie winzige Haftstrukturen in der Hornkapsel halten, verlieren ihren Halt. Das Hufbein kann sich absenken oder kippen und in schweren Fällen sogar die Sohle durchbrechen, was für das Pferd mit extremen Schmerzen verbunden ist.

Hufrehe Summary

Die akute Hufrehe ist ein Notfall

Die ersten Anzeichen einer Hufrehe sind oft unscheinbar und werden leicht übersehen. Das Pferd wirkt unruhig oder matt, bewegt sich nur zögerlich und tritt kürzer. Besonders auffällig ist, dass die Hufe deutlich wärmer sind als gewöhnlich. Der Puls an den Fesselarterien ist meist kräftig spürbar. Manche Tiere zeigen bereits in diesem frühen Stadium eine gewisse Abwehr beim Wenden oder Rückwärtsgehen, weil die Belastung der Hufspitzen schmerzhaft ist. Manchmal bemerkt der Tierhalter auch einen säuerlichen Geruch von Kot oder Schweiß. Dies kann ein Hinweis auf eine beginnende Stoffwechselstörung sein, die einem Reheschub oft vorausgeht.

In der akuten Phase treten die Symptome dann deutlich hervor und der Zustand des Pferdes kann sich innerhalb weniger Stunden dramatisch verschlechtern. Das Tier lahmt stark, will sich kaum noch bewegen und nimmt eine typische Haltung ein, bei der die Vorderbeine weit nach vorn gestellt und die Hinterbeine unter den Körper geschoben werden, um das Gewicht von den schmerzenden Hufen zu nehmen. Bei der Bewegung auf hartem Boden reagiert das Tier mit sichtbarem Schmerz. In schweren Fällen verweigert das Pferd die Futteraufnahme und legt sich hin, um die Hufe zu entlasten. Der Huf selbst ist heiß und das Klopfen des Hufpulses verrät die Entzündungsaktivität im Inneren. Im Verlauf einer akuten Phase kann sich die Entzündung schnell ausbreiten und die Gefahr einer Schädigung der empfindlichen Hufstrukturen steigt rapide an. Die akute Hufrehe ist daher ein absoluter Notfall, der immer von einem erfahrenen Therapeuten behandelt werden sollte.

Vom Akutfall zur chronischen Dauerbelastung

Bleibt die akute Entzündung unbehandelt oder treten wiederholt Schübe auf, kann sich eine chronische Hufrehe entwickeln. In dieser Form ist die akute Entzündung zwar abgeklungen, doch die Struktur des Hufes ist dauerhaft verändert. Typisch für die chronische Rehe sind ungleichmäßige Wachstumsringe an der Hufwand, die auf den unregelmäßigen Hornwuchs hinweisen. Die weiße Linie zwischen Hufwand und Sohle ist verbreitert oder gelblich verfärbt, ein typisches Zeichen für die gelockerte Verbindung zur Huflederhaut. Viele Pferde entwickeln über die Zeit sogenannte „Bockhufe“ mit steiler Zehenwand, dicker Hornkapsel und veränderter Hufform. Auch die Sohle kann sich wölben oder konkav werden. Das Hufhorn ist oft brüchig oder weich und die Hornqualität nimmt ab.

Auch am allgemeinen Erscheinungsbild lässt sich die chronische Rehe erkennen. Die betroffenen Pferde zeigen häufig eine anhaltende Empfindlichkeit der Hufe und laufen unrund oder lahmen, vor allem auf hartem Boden. Ihr Gang wirkt vorsichtig und verhalten und die Bewegungsfreude lässt nach. Durch die dauerhafte Fehlbelastung können Gelenke, Sehnen und Muskulatur zusätzlich in Mitleidenschaft gezogen werden. Viele dieser chronischen Veränderungen sind nicht mehr vollständig rückgängig zu machen. Aber mit gezielter Pflege, naturheilkundlicher Unterstützung und angepasster Fütterung lässt sich der Zustand oft stabilisieren.

Die Ursachen sind multifaktoriell

Hufrehe ist keine reine Hufkrankheit, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden Stoffwechselstörung. Als Ursache kommt oft nicht ein einzelner Auslöser infrage, sondern es handelt sich um ein Aufeinandertreffen verschiedener Faktoren, die sich gegenseitig verstärken und schließlich zur gefürchteten Rehe führen.

Fruktane

Fruktane sind unverdauliche Kohlenhydrate, die in vielen Gräsern vorkommen. Junges Weidegras ist besonders fruktanreich, was vor allem beim Anweiden im Frühjahr problematisch sein kann. Auch Trockenheit und Überweidung erhöhen den Fruktangehalt in Gräsern und Heu erheblich. Fruktane gelangen unverdaut in den Dickdarm, wo sie fermentiert werden. Dabei entstehen Milchsäure und kurzkettige Fettsäuren. Dies führt zu einer Übersäuerung und einem Absterben nützlicher Darmbakterien. Die entstehenden Zellgifte gelangen über das Blut in periphere Bereiche wie Haut und Gliedmaßen und können dort schwere Entzündungen auslösen.

 

Endophyten

Endophyten sind Pilze, die in symbiotischer Beziehung mit Pflanzen leben und deren Widerstandskraft erhöhen. Sie produzieren jedoch Alkaloide, die für Pferde giftig sein können. Diese Substanzen verengen die Blutgefäße und verschlechtern die Durchblutung der Huflederhaut. Besonders belastet sind Weidelgras und Wiesenschwingel. Trockenstress, Überweidung und Stickstoffdüngung erhöhen die Endophytenbelastung zusätzlich. Da Alkaloide hitze- und lagerungsstabil sind, bleiben sie auch in Heu und Silage enthalten.

Schimmelpilze

Schimmel in Pferdefutter entsteht, wenn Gras, Heu, Stroh oder Getreide nicht optimal geerntet, getrocknet oder gelagert werden. Die gefährlichen Stoffwechselprodukte der Pilze, die sogenannten Mykotoxine, sind hochgiftig. Eine längerfristige Aufnahme dieser Pilzgifte führt zu Leberüberlastung und Verschiebung der Darmflora, wodurch entzündungsfördernde Substanzen in den Kreislauf gelangen und die empfindliche Huflederhaut schädigen.

Stoffwechselstörungen

Pferde mit Insulinresistenz, Equinem Metabolischen Syndrom (EMS), Kryptopyrrolurie (KPU) oder Cushing (PPID) haben ein besonders hohes Risiko für Hufrehe. Diese Erkrankungen verändern den Zucker-, Hormon- und Fettstoffwechsel tiefgreifend und beeinträchtigen dadurch die Durchblutung der Huflederhaut. Unbehandelt können sie immer wieder Reheschübe auslösen. Bei Pferden mit wiederholten Rehe-Episoden ist daher eine gezielte Diagnostik dringend zu empfehlen.

Hufrehe Foto 2

Natürliche Unterstützung bei Hufrehe

Ein Pferd mit akuter Rehe muss unbedingt sofort einem Therapeuten vorgestellt werden. Parallel kann naturheilkundliche Unterstützung wertvolle Dienste leisten. Bereits bei den ersten Anzeichen einer beginnenden Rehe muss der Blutfluss in den betroffenen Hufen schnellstmöglich normalisiert werden. Hierfür eignen sich vor allem Weidenrinde und Mädesüß. Beide Pflanzen enthalten Salicylate, die in der Leber zu Salicylsäure verstoffwechselt werden, so dass eine Verbesserung der Durchblutung erreicht und das betroffene Gewebe wieder mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Die Gefahr eines Magengeschwürs besteht, anders als bei Schmerzmitteln, bei diesen beiden Pflanzen nicht.

Eine gezielte Entsäuerung mit Basenpulver und die Gabe von Bitterkräutern helfen, den Stoffwechsel zu stabilisieren und die Verdauung zu harmonisieren. Ist die Darmflora durch zu viel Kraftfutter und Müsli bereits aus dem Gleichgewicht geraten, kann diese zusätzlich mit Prä- und Probiotika stabilisiert werden. Besonders gefährdet sind hier Pferde mit Stoffwechselerkrankungen. Der Anteil an Stärke und Einfachzucker, wie er beispielsweise in Getreide vorkommt, muss bei diesen Tieren unbedingt reduziert werden.

Um Pferde wirksam vor Mykotoxinen zu schützen, ist Sorgfalt bei Ernte, Lagerung und Futterwahl entscheidend. Hochwertiges, staubfreies Heu mit angenehm süßlichem Geruch sollte die Basis darstellen. Feuchtes, muffiges oder klumpiges Heu muss konsequent entsorgt werden. Eine Futteranalyse kann bei Verdacht auf Belastungen Klarheit schaffen. Zusätzlich können Mykotoxinbinder und pflanzliche Leberkräuter wie Mariendistel, Artischocke oder Löwenzahn helfen, den Körper zu entlasten und das Entgiftungssystem zu unterstützen.

Generell sollten zur Rehe neigende Pferde gut mit Bausteinen für die Hufbildung versorgt werden. Da sich ein Defizit im Futter erst Monate später bei der Hornbildung bemerkbar macht, lohnt sich hier die prophylaktische Ergänzung der Rationen mit L-Methionin, Biotin und Zink. L-Methionin ist eine schwefelhaltige Aminosäure und unverzichtbar für die Bildung von Keratin, dem Hauptbestandteil des Hufhorns. Biotin sorgt dafür, dass Eiweiße und Kohlenhydrate im Stoffwechsel verarbeitet und als Bausteine für die Hornbildung genutzt werden können. Zink ist wichtig für das Wachstum von Haut, Horn und Haaren und unterstützt das Immunsystem.

Weidemanagement als Reheprophylaxe

Ein verantwortungsvolles Weidemanagement ist entscheidend, um die Gesundheit der Pferde langfristig zu erhalten. Wichtig sind dabei nicht allein Zeitpunkt und Dauer des Weidegangs, sondern auch eine sorgfältige Gräserauswahl, ein guter Pflegezustand der Weide und eine dem Jahresverlauf angepasste Nutzung. Idealerweise ruht eine Weide regelmäßig, um sich zu regenerieren. Rotationsweiden, bei denen die Pferde zwischen verschiedenen Parzellen wechseln, fördern auch die Artenvielfalt und schonen den Boden. Eine intakte Weide braucht Pflege und Beobachtung und sollte nicht zu kurz abgefressen werden. Gräser, die ständig an der Belastungsgrenze wachsen, bilden mehr Fruktan und sind stärker mit Endophyten belastet. Während des Anweidens und während kalt-sonniger Tage sollte die Weidezeit begrenzt werden, um eine hohe Aufnahme von Fruktanen zu vermeiden. Da die Fruktankonzentration nach Sonnenuntergang sinkt, ist Nachtweide bei empfindlichen Pferden oft die bessere Wahl. In Zeiten mit hohem Risiko kann es sinnvoll sein, den Weidegang durch strukturreiches Heu oder Kräuterfutter zu ersetzen.

Fazit

Hufrehe ist weit mehr als eine Erkrankung des Hufes. Sie ist Ausdruck eines gestörten Stoffwechsels und das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Faktoren. Wer sein Pferd ganzheitlich betrachtet und die Zusammenhänge zwischen Ernährung, Stoffwechsel und Hufgesundheit versteht, kann Rehe nicht nur besser behandeln, sondern vor allem wirksam vorbeugen.