Bartflechte

12/J

Bartflechte Titelbild

Die Bartflechte: Ein sanftes Antibiotikum aus der Natur

Als Bartflechte werden verschiedene Arten der Gattung Usnea bezeichnet, vor allem die Arten Usnea dasopoga (Synonym Usnea filipendula) und Usnea barbata. Die Bartflechte zählt zu den ältesten naturheilkundlich verwendeten Flechten. Schon in antiken Kräuterbüchern taucht sie unter dem Namen „Baumbart“ oder „Tannenbart“ als Heilmittel für Wunden und Atemwegserkrankungen auf. Später wurde sie in der traditionellen europäischen und nordamerikanischen Volksmedizin als erstes natürliches Antibiotikum eingesetzt. Doch bevor man ein echtes Heilpflanzen-Portrait über die Bartflechte schreibt, lohnt sich ein Schritt zurück. Denn die Bartflechte ist streng genommen gar keine Pflanze. Sie gehört zu den Flechten und Flechten werden den Pilzen zugeordnet. Das ist mehr als eine botanische Spitzfindigkeit, denn genau diese besondere Lebensform erklärt, warum Bartflechten so widerstandsfähig sind und warum sie jene Stoffe bildet, die wir in der Naturheilkunde nutzen.

Tafel Bartflechte

Was sind Flechten?

Bei einer Flechte handelt es sich um eine Lebensgemeinschaft zwischen Pilz und Alge, welche in Symbiose miteinander verbunden sind. Manchmal sind sogar mehrere Pilz- und Algenpartner an einer Flechte beteiligt. Für die Photosynthese sind in dieser Partnerschaft entweder Grünalgen oder Blaualgen (Cyanobakterien) zuständig. Sie werden in der Fachsprache daher auch als Photobionten bezeichnet. Die Pilzpartner heißen Mykobionten, sie sind in den meisten Fällen Schlauchpilze und nur selten Ständerpilze. Erst in dieser Symbiose bilden sich die typischen Wuchsformen der Flechten heraus und nur in dieser Lebensgemeinschaft bilden die Pilzpartner jene charakteristischen Flechtensäuren, die zu den zentralen Wirkstoffen von Flechten gehören. Die Flechtensäuren sind dabei keine dekorative Laune der Natur, sondern Teil einer ausgefeilten Überlebens- und Abwehrstrategie in Lebensräumen, die für andere Organismen oft zu extrem wären. Der Gehalt an Flechtensäuren variiert dabei abhängig von Standort und Wachstumsbedingungen.

In Mitteleuropa kommen rund 2000 Flechtenarten vor. Sie nehmen unter den Pilzen eine Sonderstellung ein, denn Flechten sind als Gemeinschaft verschiedener Organismen stabil und langlebig, zugleich aber hochsensibel gegenüber Umweltbedingungen. Der Pilz wird von der Alge mit Zucker versorgt, den diese durch Photosynthese bildet. Im Gegenzug schützt der Pilz den Algenpartner vor zu rascher Austrocknung, weil im dichten Hyphengeflecht die Feuchtigkeit weniger stark schwankt. Zusätzlich schirmt er den Photobionten bis zu einem gewissen Grad gegen UV-Strahlung ab. Diese enge Kooperation ist ein Grund dafür, dass Flechten so erstaunliche Standorte erobern können und zugleich einer der Gründe, warum sie in belasteter Luft schnell verschwinden.

Flechten besitzen keine echten Wurzeln zur aktiven Wasseraufnahme. Das ist entscheidend für ihr Verhalten bei Trockenheit. Wenn es trocken wird, verlieren sie relativ schnell Feuchtigkeit und wechseln in einen inaktiven Zustand, der fast leblos wirkt. Der Wassergehalt kann dabei auf unter zehn Prozent des Trockengewichts sinken. Dieser nahezu vollständige Feuchtigkeitsverlust ist Teil der Überlebensstrategie, denn nur im ausgetrockneten Zustand können Flechten Temperaturextreme und hohe Lichtintensitäten aushalten. In dieser sogenannten Trockenstarre überstehen Flechten beeindruckende Temperaturspannen von etwa minus 50 °C bis plus 80 °C. Dazu passt, dass sie meist sehr bescheidene Stoffwechselansprüche haben. Sie begnügen sich mit geringen Mengen an Mineralstoffen aus Staub, der über die Luft heranweht, oder aus Nährstoffen, die im Regenwasser enthalten sind oder aus dem Untergrund gelöst werden. Weil sie so genügsam sind, können sie extreme Lebensräume wie blanke Felsen, Mauern, Wegplatten, Dächer oder auch Bäume und Sträucher besiedeln. Sie kommen in Wüsten, auf mageren Heideböden, in Mooren, in Permafrostgebieten und sogar bis in fast 5000 Meter Höhe im Himalaya vor.

Verbreitung und Lebensraum der Bartflechte

Die Bartflechte wächst extrem langsam, meist nur wenige Millimeter pro Jahr. Sie bevorzugt Bäume mit saurer Borke wie Tannen, Fichten und Birken und ist besonders in nebel- oder niederschlagsreichen Bergwäldern zu finden. Typisch sind auch Vorkommen im borealen Nadelwaldgürtel, der sich von Kanada über Skandinavien bis nach Sibirien zieht. Andere Usnea-Arten kommen zudem im Mittelmeerraum, in Mittel- und Südamerika sowie in Australien vor. Bartflechten gelten als Bioindikatoren für saubere Luft, denn sie gedeihen nur in Regionen mit geringer Schadstoffbelastung. Deshalb sind sie in industriell geprägten Gebieten selten oder gar nicht zu finden, während sie in intakten Waldgebieten häufig ganze Äste verzieren. In Deutschland gibt es nur wenige Regionen, die den hohen Ansprüchen der Bartflechte genügen. Sie gelten bei uns als stark gefährdet und stehen unter Naturschutz. Wenn man Bartflechte praktisch nutzen möchte, führt der Weg heute daher über fachkundig hergestellte Produkte und Rezepturen und nicht über private Wildsammlungen.

Bartflechte Foto 1

Die kulturelle Bedeutung der Bartflechte

Auch kulturell hat die Bartflechte eine erstaunliche Geschichte. Im alpinen Volksbrauchtum stellten Männer in Gewändern aus Bartflechten den „Wilden Mann“ dar. In Oberstdorf etwa wird der Wilde-Mändle-Tanz gepflegt, dessen Überlieferung bis in die keltische Zeit vor über 2000 Jahren zurückreichen soll. Früher waren „Wilde Männer“ weit über das Alpengebiet verbreitet. In Oberstdorf hat sich der Tanz, der dort alle fünf Jahre von zwölf Männern aufgeführt wird, besonders sichtbar erhalten. Ähnliche Figuren finden sich auch in Teilen Österreichs, etwa in Telfs in Tirol. Spannend ist dabei nicht nur die Folklore, sondern auch die praktische Beobachtung, die dahintersteckt. Denn früher besuchten die „Wilden Männer“ Häuser und Höfe und legten ein Stück Flechtenbart auf den Stubenofen. Bei großer Hitze verdampften die Flechtensäuren auf der heißen Ofenplatte und trugen so zur Desinfektion der Luft in muffigen Winterstuben bei. Aufgrund der fungiziden Wirkung soll sogar die Schimmelbildung im Haus reduziert worden sein. Was lange als exzentrisches Brauchtum belächelt wurde, erscheint heute in einem neuen Licht, denn genau diese antimikrobiellen Eigenschaften werden inzwischen wieder intensiv in der Naturheilkunde genutzt.

Bartflechte Foto 2

Was macht die Bartflechte zur Heilflechte?

Im Zentrum der heilsamen Wirkung der Bartflechte stehen ihre Flechtensäuren, insbesondere die Usninsäure. Ihr wird eine antiseptische Wirkung zugeschrieben, denn sie wirkt keimhemmend. Sie wird daher als natürliches Antibiotikum eingesetzt, vor allem bei grampositiven Bakterien, die nicht nur auf der Haut, sondern auch auf den Schleimhäuten von Rachen, Magen-Darm-Trakt und des Atmungssystems Erkrankungen auslösen können. Die Usninsäure gilt dabei als vergleichsweise sanft gegenüber Haut und Schleimhäuten. Darum findet man Bartflechtenextrakte nicht selten als Zusätze in Hautpflegemitteln. Auch werden sie teils in Lutschtabletten eingesetzt, beispielsweise zur Unterstützung bei Husten und Bronchitis.

In der Tierheilkunde hat sich der Einsatz der Bartflechte vor allem zur Therapie von Einzellern wie Giardien und Trichomonaden bewährt. Bei der Behandlung wird die erwünschte Darmflora nicht geschädigt und das Darmgleichgewicht kann wiederhergestellt werden. Präparate mit Bartflechte können daher bereits bei Welpen und Jungtieren bedenkenlos eingesetzt werden. Äußerlich wird sie oft auch bei bakteriell infizierten Wunden, Ekzemen sowie Pilzinfektionen und im Pferdebereich auch bei Mauke und Strahlfäule eingesetzt.

Neben der Usninsäure enthält die Bartflechte eine Vielzahl weiterer wertvoller Inhaltsstoffe, darunter Polysaccharide, die eine immunmodulierende Wirkung entfalten können. Sie unterstützen die Aktivität bestimmter Abwehrzellen und fördern zudem die Regeneration von Haut und Schleimhäuten. Ebenso enthalten sind Gerb- und Bitterstoffe, die die Verdauung anregen und Leber und Galle unterstützen. Enthalten sind neben Vitamin C auch weitere antioxidative Substanzen, die freie Radikale neutralisieren und entzündungshemmend wirken können.

Fazit

Die Bartflechte ist ein spannendes Beispiel dafür, wie evolutionär entstandene Abwehrstoffe wie Flechtensäuren in der Naturheilkunde genutzt werden können. Gerade weil Antibiotikaresistenzen weltweit ein wachsendes Problem sind, wird die Verwendung von Flechten als Alternative wieder interessanter. Bartflechten sind in Deutschland inzwischen selten geworden. Deshalb sollte ihr Einsatz – bei aller Rückbesinnung auf die Ursprünge alter Heilkunst – mit Respekt vor der Sensibilität und Schutzwürdigkeit dieser außergewöhnlichen Waldbewohnerin erfolgen.