09/K
Hydrolate – Faszinierende Helfer im Stallalltag
Anwendungsbeispiele aus der Praxis am Pferd
Hydrolate sind vielseitig anwendbar und können bei alltäglichen Problemen rund um unsere Pferde eine schnelle Hilfe sein. Wir haben Hydrolate im Blogbeitrag Aromatherapie für Tiere schon einmal allgemein und im Einzelnen vorgestellt.
Ich habe einige Hydrolate im Sattelschrank, die ich regelmäßig nutze und auf die ich nicht verzichten möchte. Heute teile mit Euch einige Erfahrungen aus meiner Praxis in der Anwendung der Hydrolate am Pferd.
Eine wichtige Sache vorab: Egal, ob es sich um mein eigenes Pferd oder ein Kundenpferd handelt, bevor ich ein Hydrolat einsetze, lasse ich das Pferd an der Flasche (ohne die Schutzkappe) riechen und hole mir seine Zustimmung zur Anwendung ein. Dazu gibt es später mehr.
Beulen und „Lackschäden“
Was uns im Stallalltag immer wieder begegnet, sind die kleinen „Lackschäden“, die sich unsere Pferde durch Spielen, Unachtsamkeit oder auch bei mal heftigeren Auseinandersetzungen in der Herde einhandeln. Hier fehlt mal ein Stück Fell, da ist ein langer Kratzer und an anderer Stelle scheint die oberste Hautschicht weggeraspelt. Solange es sich nicht um tiefe oder sehr stark blutende Wunden handelt, können wir mit Hydrolaten hier schnelle Hilfe leisten.
Ich nehme dafür meist Lavendel Hydrolat oder Teebaum Hydrolat, je nachdem, welche Flasche ich im Schrank zuerst in der Hand habe. Aber auch Cistrose Hydrolat kommt hier infrage. Ein, zwei Sprühstöße direkt auf die verletzte Stelle, wenn möglich mehr als einmal täglich, sind hier „erste Hilfe“.
Wenn es sich um stumpfe Traumata handelt, wie zum Beispiel ein Tritt, und wenn dadurch eine Beule entstanden ist, unter der sich wahrscheinlich ein Hämatom unter dem Fell versteckt, dann ist Immortelle Hydrolat die erste Wahl. Für die Immortelle gilt, je früher angewendet, desto besser und das Hydrolat sollte anfangs auch mehrfach aufgesprüht werden, also gerne alle 20 - 30 Minuten wiederholen.
Übrigens: Auch in selbst angerührte Lehmverbände aus Tonerde können die passenden Hydrolate gut mit eingearbeitet werden.
Es sticht, es beißt, es juckt
Sommer – für Pferdebesitzer hat das nicht nur Sonnenseiten. Denn mit den steigenden Temperaturen erscheinen auch allerlei stechende, beißende und saugende Insekten, die den Pferden und auch uns das Leben schwer machen.
Bei Stichen, die auf dem Pferd deutliche Spuren hinterlassen haben, entweder weil sie als Beulen sichtbar sind oder das Pferd uns nachdrücklich bittet, eine bestimmte Stelle ausgiebig zu kratzen, sollte man sofort die Teebaum Hydrolat-Flasche im Anschlag haben. Teebaum Hydrolat wirkt nicht nur antiseptisch, es hilft auch gegen den Juckreiz und diese Art von Schwellungen. In Australien, wo der Teebaum beheimatet ist, setzt man ihn sogar bei Schlangenbissen ein – ob mit Erfolg weiß ich nicht zu sagen 😉
Ich benutze ihn auch für mich selbst bei Mücken- und Wespenstichen als schnelle und effektive Hilfe. Deswegen steht das Teebaum Hydrolat nicht nur bei meinem Pferd im Sattelschrank, sondern auch bei mir zu Hause.
Ein weiteres sehr gutes Mittel gegen Juckreiz ist das Pfefferminz Hydrolat. Seine kühlenden Eigenschaften helfen auch dagegen.
Der Blick in die Welt
Die Augen unserer Pferde sind unglaublich groß und sagen viel über ihren Gemütszustand und ihre Gesundheit aus. Abgesehen davon sind sie ein wichtiges Sinnesorgan, das durch äußere Einflüsse unter Stress geraten kann. Grundsätzlich schützt die Nickhaut, das dritte Augenlid, das Pferdeauge. Aber Trockenheit, stetiger Wind und allem voran Fliegen können zu einer großen Belastung werden. Die Augen tränen und es bildet sich auch etwas Schleim in den Augenwinkeln. Um die Augen dann zu säubern und zu beruhigen, nehme ich das Rosenblüten Hydrolat. Ein paar Sprühstöße auf ein Wattepad oder ein sauberes, weiches Tuch und damit die verklebten Stellen am Auge vorsichtig säubern. Das Rosenblüten Hydrolat entfaltet seine beruhigende und erfrischende Wirkung auch dann, wenn man es, ebenfalls auf einem Tuch oder Wattepad appliziert, einfach ohne Druck auf das geschlossene Augen legt. Pferde, die die Wirkung kennen, halten dabei gerne still und genießen es. Und auch dem Reiterauge kann man so mal was Gutes tun.
Ganz wichtig bei der Anwendung am Auge ist, dass das Hydrolat keinen Alkohol enthält. Das ist beim Hydrolat von PerNaturam der Fall.
Equines Sarkoid
Equine Sarkoide sind vergleichbar mit Warzen, da sie ebenfalls durch Viren hervorgerufen werden. Beim Equinen Sarkoid ist der bovine Papillomavirus der Verursacher. Unterstützend zu SarkoBalm bzw. wenn sich das Sarkoid geöffnet hat und man SarkoBalm nicht direkt anwenden kann, sind Teebaum Hydrolat und Melisse Hydrolat geeignet. Man gibt ein bis zwei Sprühstöße auf die Stelle und lässt das Hydrolat trocknen. Ist es geschlossen, kann man danach dünn SarkoBalm auftragen.
Das Tier entscheidet
Bei körperlichen Blessuren denkt man oft nicht lange nach, da nimmt man das Hydrolat, dessen Wirkung am besten passt, obwohl man das Tier auch dazu fragen sollte. Die Auswahl des Hydrolats bei psychischen Problemen muss das Tier unbedingt mit einbeziehen. Düfte wirken zuerst auf das Limbische System, also auf die Gefühle, bevor sie das Großhirn und damit das Bewusstsein erreichen. Wenn das schon für eine Geruchsniete wie den Menschen gilt, dann verlassen wir uns bei der Auswahl des Hydrolats also besser auf das Pferd, dem wir helfen wollen und das um Längen besser riechen kann als wir.
Dass das nicht nur für die Anwendung von Hydrolaten in psychischen Bereichen gilt, hat mir mein eigener Wallach einmal gezeigt.
Er hatte eine Beule mitten auf einem der hinteren Röhrbeine. Im Zentrum der Beule befand sich eine kleine kahle Stelle – ein Stich? Eine kleine Wunde? Ich konnte es nicht erkennen. Meine erste Wahl war Teebaum Hydrolat. Wie immer zeigte ich die Flasche meinem Pferd in Erwartung seiner Zustimmung. Aber er drehte deutlich den Kopf weg. Ich versuchte es nochmal, aber er blieb bei seinem „nein“. Immortelle? Lavendel? Zweimal ein deutliches „nein“. Ich war verblüfft, versuchte es mit Atlaszeder Hydrolat und bekam – zu meiner Überraschung – seine volle Zustimmung.
Wie ich auf diese Auswahl gekommen bin? Meine erste Idee war „Insektenstich = Teebaum“. Dann kam „stumpfes Trauma“, also Immortelle. Ich versuchte es dann mit dem universellen Lavendel und kam erst nach dessen Ablehnung auf „allgemeiner Schmerz“. Und das war es dann allem Anschein nach. Aber ehrlich, vielleicht hätte auch mein Wallach nicht erklären können, warum ausgerechnet die Atlaszeder, die meist ein eher vernachlässigtes Hydrolat ist, in diesem Moment für ihn das richtige war.
Besuch vom Sattler und andere Gruselfaktoren
Ganz besonders bei psychischen Belastungen kann nur das Pferd selbst wissen, was ihm in dem Moment guttut und das muss auch nicht jedes Mal der gleiche Duft sein. Ich habe noch ein Beispiel aus meinem Praxisalltag für Euch:
Ein Pony sollte Besuch von einem Sattler bekommen, eine gute Idee im besten Sinne für das Tier. Leider sah es das ganz anders und erstarrte praktisch bei der Anwesenheit des ihm unbekannten Menschen, der sich auch noch anschickte, fremde Sättel aufzulegen und an ihm herumzuhantieren. Mit Zustimmung der Besitzer bot ich ihm Lavendel Hydrolat an, der Klassiker zur Beruhigung und Entspannung. Er drehte den Kopf weg in einem eindeutigen „nein“. Darauf versuchte ich Melisse Hydrolat und er suchte sofort meine Hand. Ich gab ihm zwei Sprühstöße auf die Brust und er entspannte sich sichtlich und die Sattelprobe konnte ohne Stress für ihn erfolgreich durchgeführt werden.
Klassiker bei Stress und Angst sind Lavendel Hydrolat, Melissen Hydrolat, Cistrose Hydrolat, Neroli Hydrolat und ja, auch Atlaszeder Hydrolat.
Fazit
Wer seine Berührungsängste verloren hat und ein, zwei oder mehr Hydrolate ausprobiert, für sein Pferd oder für sich selbst, wird sie nicht mehr missen wollen. Das Schöne an Hydrolaten ist, dass sie aufgrund ihrer natürlichen Verdünnung der ätherischen Öle so sanft wirken und direkt am Tier eingesetzt werden können. Trotz ihrer Sanftheit haben sie eine überraschende Potenz. Wenn man immer beherzigt, dass das Tier vor jeder Anwendung zu fragen ist (Riechprobe), sind sie wertvolle Helfer im Stallalltag.
Anja Braatz, Tierheipraktikerin, Aromatherapeutin
















