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Artgerechte Pferdefütterung – warum Vielfalt der Schlüssel ist
Kaum ein Thema wird so emotional diskutiert wie die Fütterung unserer Pferde. Und oft wird dabei übersehen, dass die entscheidende Frage gar nicht lautet, was wir füttern – sondern wie nah wir noch an dem sind, was das Pferd ursprünglich geprägt hat.
Das Pferd ist das Ergebnis von Millionen Jahren Evolution. Und diese Evolution hat ein Tier hervorgebracht, das auf Vielfalt angewiesen ist. Ein Blick auf die Wiesen zeigt jedoch ein anderes Bild. Während früher artenreiche Flächen mit 60 oder mehr Pflanzenarten die Regel waren, finden wir heute meist monotone Grasbestände. Diese wurden gezielt für die intensive Landwirtschaft entwickelt. Und oft stehen Pferde dann auf ehemaligen Rinderweiden - mit Hochleistungsgräsern für Kühe – nicht für Pferde. Damit fehlt genau das, was Pferde in ihrer natürlichen Umgebung täglich aufnehmen würden: eine große Bandbreite an Kräutern, Blättern, Rinden und Samen.
Die Rolle der Darmflora beim Pferd
Wer Pferde füttert, füttert immer auch deren Darmflora oder genauer gesagt, das Darmmikrobiom. Und dieses braucht Vielfalt. Die alten Wiesenpflanzen und Rinden liefern weit mehr als nur Energie. Sie enthalten sekundäre Pflanzenstoffe, die Verdauung, Stoffwechsel und Immunsystem unterstützen. Viele dieser Stoffe wirken entzündungshemmend, fördern die Durchblutung oder stabilisieren das Darmmikrobiom. Es gibt kaum einen Bereich im Organismus, der nicht von dieser natürlichen Vielfalt profitiert.
Dass diese Vielfalt heute fehlt, bleibt nicht ohne Folgen. Eine einseitige Ernährung führt langfristig zu einer Verarmung des Darmmikrobioms – und damit zu einem zentralen Problem. Denn beim Pferd entscheidet nicht allein der Körper über die Verwertung von Nährstoffen, sondern vor allem die Mikroorganismen im Darm. Sie übernehmen einen Großteil der Verdauungsarbeit und produzieren ein Vielfaches an Enzymen im Vergleich zum Organismus selbst.
Das Pferd ist ein Dauerfresser
Hinzu kommt ein zweiter Aspekt, der häufig unterschätzt wird: Pferde sind Dauerfresser. In ihrer natürlichen Umgebung verbringen sie den Großteil des Tages – bis zu 16 oder mehr Stunden – mit der Nahrungsaufnahme. Dabei bewegen sie sich langsam fort, nehmen kleine Mengen auf und wählen gezielt unterschiedliche Pflanzen aus.
Fressen ist für Pferde weit mehr als Energieaufnahme. Es ist Beschäftigung, soziales Erlebnis, Stressregulation, wärmt den Körper und ist ein tief verankerter Instinkt. Wird dieses Verhalten durch wenige, große Mahlzeiten ersetzt, entstehen Probleme: zu hastiges Fressen, unzureichendes Kauen, zu wenig Speichel – und in der Folge Verdauungsstörungen. Eine Fresspause sollte nicht länger als vier Stunden dauern.
Heutzutage sind viele Futtermittel darauf ausgelegt, möglichst effizient und schnell verfügbar zu sein. Sie sind hochverdaulich, energiereich und oft stark verarbeitet. Für das Pferd bedeutet das jedoch Stress für den Stoffwechsel. Denn sein Verdauungssystem ist nicht auf schnelle Energie ausgelegt, sondern auf strukturreiche, rohfaserbetonte Nahrung, die langsam umgesetzt wird.
Warum den Tagesbedarf auszurechnen oft nicht reicht
Auch die weit verbreitete Vorstellung, den Bedarf eines Pferdes exakt berechnen zu können, greift zu kurz. Standardwerte wie „X Gramm pro Kilogramm Körpergewicht“ werden dem einzelnen Tier nicht gerecht. Der Bedarf ist individuell und verändert sich ständig – abhängig von Haltung, Klima, Alter, Fellbeschaffenheit, Nutzung und Konstitution. Das eine einzige Futter oder die perfekte Mineralisierung für alle Rassen, Lebenslagen und Jahreszeiten kann nicht funktionieren.
Eine artgerechte Fütterung beginnt deshalb nicht mit der Frage nach dem richtigen Zusatzfutter, sondern mit der Basis. Und diese Basis ist denkbar einfach: hochwertiges Raufutter, möglichst zur freien Verfügung. Weidegang und/oder Heu, evtl. ergänzt durch Stroh und ein Salzleckstein bilden das Fundament. Es sorgt für eine kontinuierliche Beschäftigung, stabilisiert den Verdauungstrakt und entspricht dem natürlichen Fressverhalten.
Doch Raufutter allein reicht heute oft nicht mehr aus, um die fehlende Vielfalt zu ersetzen. Deshalb gewinnt die gezielte Ergänzung mit Kräutern an Bedeutung. Sie bringen genau die Pflanzenstoffe zurück, die auf unseren Wiesen fehlen. Viele der früheren Wiesenpflanzen sind dabei auch Heilpflanzen. Dabei geht es nicht um einzelne Wirkstoffe, sondern um das Zusammenspiel vieler Komponenten – Pflanzensynergien, so, wie es in der Natur vorkommt.
Auch bei Mineralstoffen zeigt sich ein ähnliches Bild. Synthetische Präparate liefern isolierte Elemente, während natürliche Quellen diese im Verbund mit weiteren Stoffen anbieten. Genau dieser Verbund entscheidet darüber, wie gut Mineralien aufgenommen und verwertet werden.
Ein weiterer Punkt, der häufig überschätzt wird, ist der Bedarf an Kraftfutter. Viele Pferde erhalten heute deutlich mehr Energie, als sie tatsächlich benötigen. Selbst bei regelmäßiger Bewegung reicht eine gute Grundversorgung oft vollkommen aus. Erst wenn ein Pferd trotz ausreichendem Raufutter an Gewicht verliert oder besondere Leistungen erbringen muss, wird zusätzliche Energie sinnvoll.
Artgerechte Pferdefütterung heißt, wieder ganzheitlich zu denken
Es gibt nicht die eine richtige Fütterung für alle Pferde. Jedes Tier bringt seine eigene Geschichte, seine genetische Prägung und seine individuellen Bedürfnisse mit. Eine starre Fütterung nach Schema kann diesem Anspruch nicht gerecht werden. Wer sich an der Natur orientiert, findet jedoch eine klare Richtung. Vielfalt statt Einseitigkeit. Struktur statt schneller Energie. Kontinuität statt künstlicher Fütterungsrhythmen. Und genau darin liegt die eigentliche Herausforderung moderner Pferdehaltung – nicht darin, immer neue Futtermittel zu finden, sondern darin, verlorene Zusammenhänge wieder zu verstehen.




















