Fleur, Blume der Herzen – unvergessen

Eine wahre Geschichte von Klaus-Rainer Töllner

07/J

IMG 1765 sw Fleur Original Foto

Algerien 1973. Klaus-Rainer Töllner ist als Lehrer mit seinem Sohn Ralf Töllner für ein Jahr in Algerien. Eines Tages bringt man ihm ein kleines Straßenkätzchen, wenige Tage alt und die Augen noch geschlossen. Fleur, so nennt er die kleine graue Katze, erobert sein Herz und wird seine treue Begleiterin. Verborgen unter seinem Hemd nimmt sie selbst am Schul-Unterricht teil und als es zurück nach Deutschland gehen soll, ist es keine Frage, dass Fleur mitkommen muss – egal wie. Erlebe die authentische, spannende und berührende Geschichte, erzählt vom Firmengründer von PerNaturam.

Fleur Zeichnung 1

Fleur, Blume der Herzen – unvergessen

Sie hat immer noch einen Platz in unseren Herzen, obwohl es nun schon über 40 Jahr her ist, dass sie uns verlassen hat, unsere Fleur, eine zierliche silbergraue Katze mit einem rosa Blümchen auf der Stirn. Deshalb nannten wir sie Fleur, als sie zu uns kam. Das war 1973. Ich war damals ein Jahr lang, zusammen mit meinem Sohn, in Algerien, in Guelma, einer Stadt nahe der Mittelmeerküste, wo ich als Lehrer für deutsche Kinder gearbeitet habe. Für die etwa 100 deutschen Arbeiter, die dort Mopeds und Fahrräder herstellten, war ein großes Camp mit Bungalows und Mehrfamilienhäusern eingerichtet worden. Dort bewohnten wir eine Parterrewohnung. Die Kinder nutzten gerne die Gelegenheit, an unserem Küchenfenster anzuklopfen, um sich Getränke oder etwas Süßes zu erbitten. Eines Tages klopfte die achtjährige Britta aufgeregt ans Fenster. Ich öffnete, und sie streckte mir ihre kleine Kinderhand entgegen. Ein winziges graues Kätzchen kuschelte sich darin, die Augen noch fest geschlossen, kaum älter als vier Tage.

„Da!“ sagte sie. „Was soll ich denn damit anfangen?“ antwortete ich. „Das Kätzchen hat ja noch nicht die Augen offen, es braucht seine Mutter und die Muttermilch, sonst „Nein“, kam die Antwort, „die algerischen Kinder spielen sonst damit Fußball“, und das stimmte leider. Alles Reden half nichts, und mein Sohn bestärkte klein Britta auch noch. Ich geriet so richtig unter Druck. Man kann ja auch so kleinen Tierchen nur schwer widerstehen. Ich nahm also das Kätzchen in die Hand und schaute nach, ob es ein Kätzchen oder Katerchen war. Es war ein Kätzchen. Dann entdeckten wir den rosa Flecken auf der Stirn. Ein Blümchen und schon hatte es seinen Namen: Fleur. Mit dem Namen war es zu einer Persönlichkeit geworden, und damit war es uns nun erst recht nicht mehr möglich, es zurückzubringen. Aber wie und womit füttern? Als ich noch ein Kind war – erinnerte ich mich – hatten wir mal ein mutterloses Kätzchen mit Büchsenmilch und einer Liebesperlenflasche großzogen. Büchsenmilch gab es beim Krämer zu kaufen, aber woher eine Liebesperlenflasche nehmen? Und wie dem Kaufmann erklären, was wir wollten, so großartig war unser Französisch nicht. Aber wir mussten es versuchen. Also fuhren wir in die Stadt, klapperten die Geschäfte ab und durchstöberten die Regale. Und, oh Wunder, nach einigem Suchen fanden wir eine Flasche mit bunten Perlen und – viel wichtiger – mit einem Schnuller. Wenn ich heute daran zurück denke, kann ich es immer noch nicht fassen. Überglücklich fuhren wir nach Hause. Ich schnitt ein kleines Loch in den Schnuller, die Milch wurde angewärmt, und dann ging‘s los. Ob Fleur wohl trinken würde? Sie würde wohl, aber es kam nichts raus. Erst musste ich noch begreifen, dass ein zweites Löchlein nötig war, wenn die Milch fließen sollte. Aber dann ging‘s los, sie trank gierig. Uns fiel ein Stein vom Herzen. Nachdem sie satt war, legten wir sie in ein liebevoll vorbereitetes Nest. Aber da hatten wir falsch kalkuliert. Klein Fleur dachte gar nicht daran, dieses Nest zu akzeptieren und zu schlafen. „Viel zu einsam“ dachte sie wohl, „und Mutter ist auch nicht da, da muss ich mal kräftig schreien.“ Das tat sie dann ausgiebig, bis wir sie aufnahmen. Und weil wir ja die Hände manchmal auch für etwas anderes brauchten als zum Katzen halten, legten wir sie unter das Hemd an die Brust, wo sie den Herzschlag fühlen konnte. Da gefiel es ihr so gut, dass ab sofort keine andere Lösung mehr akzeptiert wurde. Morgens, wenn ich unterrichte, durfte ich auch keine Ausnahme machen. Nachts wollte sie es genauso haben, eng an mich geschmiegt, dabei tretelte sie ständig. Ich kann mich nicht erinnern, mich jemals vorsichtiger im Bett gedreht zu haben, als zu der Zeit, als Fleur meine Bettgenossin war. Von Tiefschlaf keine Rede und daran hinderte noch etwas. Fleur schnurrte, aber nicht wie andere Katzen schnurren, vor allem nicht so kleine. Was sie da produzierte, war eher ein Dauerbrummen oder Sägen, viel zu laut für so ein kleines Kätzchen, und es ließ sich nicht abstellen. Ja, so ist das mit der Erziehung – wer erzieht wen? Füttern mussten wir sie alle zwei Stunden, und danach wurde das Bäuchlein massiert und was da so rauskam, weggewischt. Ihre Augen hatten sich nach wenigen Tagen geöffnet, und damit begann die Eroberung der Welt. Jetzt akzeptierte sie auch einen flachen Karton mit Kissen, in dem sie herumkroch und manchmal herausfiel. Als sie endlich das Gleichgewicht halten konnte, wurde unsere Wohnung zur Welt. Darin konnte man herrlich Verstecken spielen, und wir mussten besorgt suchen. Mit dem Klettern ging es auch bald los. Wenn sie dann jämmerlich schrie, schaffte sie den Rückweg nicht und wir mussten sie befreien. Fleur wuchs schnell, eigentlich viel zu schnell, aber so ist das nun mal bei Katzen. Allzu gern hätten wir jede Phase der Entwicklung verlängert, denn was gibt es Zauberhafteres als ein munteres kleines Kätzchen. Morgens begleitete sie uns auf dem Weg zur Schule und wenn wir am Wochenende ans Meer fuhren oder auch in die Oase Biskra jenseits des Atlas in der Sahara, Fleur war immer dabei. Sie lief uns nach, wohin wir gingen, wie ein Hund es tut. Dann rückte der Zeitpunkt näher, dass wir wieder nach Deutschland zurückmussten. Undenkbar, Fleur zurückzulassen. Aber wie könnten wir sie rüberbringen, mit der Fähre über das Mittelmeer, dann durch Frankreich und über die Grenze nach Deutschland? Würden die Zöllner uns durchlassen? ...

Fleurs große Reise zu Wasser und zu Lande

Die Abreise stand in einigen Wochen bevor. Die Karten für die Überfahrt mit dem Schiff hatten wir gelöst. Nun wurde es höchste Zeit, uns zu erkundigen, wie wir unsere geliebte Fleur auf die andere Seite des Mittelmeers nach Frankreich bringen konnten. Wir erkundigten uns bei den zuständigen Behörden, was wir tun müssten, um Fleur ausführen und nach Frankreich einführen zu dürfen. Alles in radebrechendem Französisch. Den Algeriern war die Ausfuhr egal. Sie erklärten uns aber, dass die Franzosen Probleme machen könnten. Es sei Pflicht, die Katze gegen Tollwut impfen zu lassen, das sei aber schon alles. Damals hatte ich noch keine Ahnung, anders als heute, welche Folgen diese Impfung haben könnte. Nun gut: Fleur wurde geimpft, wir bekamen den Impfpass, und Fleur bekam mit der Impfung – Gott sei Dank –keine Probleme. Fleur auf großer Fahrt. Dann war der Abreisetag gekommen. Das Auto war gepackt, voll bis unters Dach, genauso auch der Dachgepäckträger. Vor allem waren es die vielen Mitbringsel; dabei eine fantastisch schöne, große Sandrose. Für Fleur hatten wir Fleisch vorbereitet, Wasser natürlich auch und einen Pappkarton, in den wir eine Klappe geschnitten hatten, so dass wir ihn öffnen und wieder verschließen konnten. Vor dem Beifahrersitz stand eine Schüssel mit Sand als Toilette. Die Strecke von Guelma zum Hafen von Annaba beträgt etwa 50 km, wir brauchten dafür knapp eineinhalb Stunden. Während eines Teils der Fahrt musste Fleur in den Karton. Das sollte die erste Übung für sie sein und für uns auch. Sie hat keinen Rabatz gemacht, war dann aber überglücklich, als wir sie rausließen und hatte vor lauter Schnurren kaum Zeit zum Luftholen.

Fleur Zeichnung 2

Zu Wasser ...

Vor dem eingezäunten Bereich, der uns noch von der Fähre trennte, mussten wir warten. Darin hatten wir Übung, denn was man in Algerien zuerst lernt, ist Warten. Kommste heut nicht, kommste morgen. Dann Aussteigen, die Pässe zeigen und die Fahrkarten und vorfahren in den umzäunten Bereich. Mehrfach mussten wir die Türen öffnen. Aber Angst, dass Fleur uns weglaufen könnte, hatten wir keine. Sie war zu stark auf uns geprägt, und sie ließ sich auch immer ohne Widerstreben aufheben. Dann, endlich, durften wir über die Rampe ins Schiff fahren, wo die Wagen in sechs Reihen abgestellt wurden. Wir parkten und ließen die Fenster einen kleinen Spalt offen, damit immer genug Luft hereinkommen konnte. Endlich ging die Klappe hoch, die große Fähre legte ab und verließ den Hafen. Das Schiff war brechend voll. Und das hatte, wie wir erleben sollten, für uns einen großen Vorteil. Große Sorge machte uns, ob das Autodeck vielleicht abgeschlossen werden würde, aber das war zum Glück nicht so; wir konnten jederzeit zu unserem Wagen und zu unserer Fleur. Während der Überfahrt, die etwas über 20 Stunden dauerte, besuchten wir Fleur so oft als möglich. Sie war erstaunlich wenig gestresst. Unser Programm für den Tag der Überfahrt: Essen, trinken, Fleur besuchen, übers Meer schauen und schlafen. Das Wetter war schön, das Schiff lag ruhig – wir hatten es früher schon einmal anders erlebt, da mussten wir unsere Teller und Gläser festhalten. Wir freuten uns über einen Schwarm Delfine, der unser Schiff, die Roussillon begleitete, und irgendwann kam weit voraus der weiße Hafen von Marseille in Sicht.

... und zu Lande

Als das Schiff angelegt hatte, drängten die Passagiere an Land. Alle wollten wohl die ersten sein. Die Papiere der Algerier, und das waren die meisten, wurden akribisch geprüft. Viel Arbeit für die Zöllner. Wir stiegen runter aufs Parkdeck und warteten im Auto, bis wir an Land fahren durften. Bei französischen Zöllnern lässt bei großem Arbeitsandrang die Begeisterung schnell nach. Vielleicht deshalb durften wir, als wir unsere deutschen Pässe zeigten, ohne Kontrolle durchfahren. Die Tour nach Freiburg, wo wir erwartet wurden, hatte ich mir zuvor zurechtgelegt. Mehr als 700 km lagen vor uns, und mindestens acht Stunden würden wir brauchen. Dann wäre es Mitternacht. Der Gedanke, dass uns ja zwischen Frankreich und Freiburg der deutsche Zoll erwartete, schlug mir auf den Magen. Davor hatten wir wegen Fleur große Sorge. Was würde passieren, wenn man sie entdeckte? Sechs Wochen Quarantäne? Würde man sie vielleicht auch töten, einschläfern, wie man das so nett ausdrückt wegen der Tollwutgefahr, Impfung hin oder her? Eine schlimme Vorstellung. Wir mussten tief Luft holen. Aber jetzt ging’s erst mal los mit unserem alten Ford Taunus, vollgetankt noch in Algerien. Damit würden wir wohl bis an unser Ziel kommen. Nach vielen Stunden hatten wir die Vogesen erreicht. Es regnete, manchmal heftig. Das Leben hält oft Hindernisse bereit, mit denen man überhaupt nicht gerechnet hat. Und so war es auch auf dieser langen Fahrt. Wir hatten den Kamm der Vogesen passiert und befanden uns auf einer schlechten Straße bergab, als es passierte. Hinten am Fahrzeug rumpelte es, der Wagen ließ sich nur noch schlecht steuern. Ich musste anhalten und sah die Bescherung. Der hintere linke Reifen war platt. Ein Ersatzreifen, Wagenheber und Kreuzschlüssel waren an Bord. Ohne das ging es in Algerien nie. Aber der Reifen lag in der Karosserie unter dem Gepäck. Lamentieren und schimpfen halfen nicht. Also ran. Wir packten aus, der Reifen lag befreit, der Wagen wurde angehoben, der kaputte Reifen abgeschraubt und der neue angebracht. Dann das Gepäck wieder eingeräumt. Alles dauerte weniger als eine halbe Stunde, das hatte ich mir gar nicht zugetraut. Aber die Zeit reichte, um klatschnass zu werden. Der Regen hatte ja nicht aus Gefälligkeit aufgehört. Wir konnten weiterfahren. Fleur war überhaupt nicht beunruhigt. Die lange Fahrt hatte sie überwiegend schlafend auf dem Schoß von Ralf verbracht. Ihr ging es gut, Hauptsache, wir waren da. Der Rhein lag vor uns, eine Pontonbrücke verband Frankreich mit Deutschland, auf der linken Rheinseite der französische Zoll und auf der rechten Seite der deutsche.

Die letzte Hürde

Den Franzosen war alles egal, wir mussten nicht mal anhalten, sie winkten uns einfach durch. Damals war 1973. Nun also mit Gerumpel über die Brücke. Vor dem Zollhäuschen hielten wir an. Es regnete heftig, eine Überdachung für die Zöllner gab es nicht. Aussteigen? Nein. Ein paar Fragen: Woher? Von Algerien. Was haben Sie da gemacht? Ich war dort Lehrer. Wohin wollen Sie? Nach Freiburg. Der Regen lief dem Zöllner trotz Mütze in den Kragen. Haben Sie was zu verzollen? Nein. Fleur war absolut still in ihrem Karton. Sie wurde nicht bemerkt. Der Zöllner winkte uns durch. Ein Stein, oder besser ein Felsen fiel uns vom Herzen. Keine Probleme! Wir waren wieder in Deutschland und bald auch zu Hause.

Fleur Zeichnung 3

Fleurs erste Begegnung mit meiner Schäferhündin Xandra

Fleur war erst wenige Monate alt, als wir sie in unser Heim nach Freiburg brachten. Eine kleine, zierliche Katze, voller Selbstbewusstsein, eine starke Persönlichkeit. Sie hatte keine Angst, als sie plötzlich unsere Xandra, der Schäferhündin gegenüberstand. Weglaufen, auf einen Schrank springen, nein, das kam ihr gar nicht in den Sinn. Sie lief nicht weg. Mit großem Buckel und gesträubten Haaren stand sie vor Xandra, fauchend und warnend. Sie teilte Xandra mit: Ich bin jetzt hier, und hier bleibe ich auch. Damit musst du dich abfinden! Und als Xandra meinte, sie könne sich doch eine Annäherung leisten, bekam sie kurz und knapp einen Hieb auf die Nase. Zwei rote Perlen waren das Ergebnis, eine Erfahrung, die ihr vorerst einmal reichte. Eine Liebesbeziehung zwischen den beiden hat es in den folgenden Jahren nie gegeben, so schön das auch gewesen wäre. Man ging sich achtungsvoll aus dem Weg. Fleur lebte sich schnell ein. Mit meiner Frau freundete sie sich sofort an. Daraus wurde eine innige Liebesbeziehung. Am liebsten legte sie sich auf ihren Busen und knabberte zärtlich an ihrem Kinn. Das machte sie ausdauernd. Sie brauchte nur wenige Tage, um sich die neue Umgebung zu erobern. Von Fremden ließ sie sich nicht gerne anfassen oder gar aufheben, da hatte sie schnell ihre Krallen parat, was uns recht war. Zwei Episoden möchte ich Ihnen gerne aus dieser Zeit erzählen:

Erste Episode: Die Rinderfilets

Wir hatten ein Gästepaar eingeladen und für uns alle fünf schöne große Rinderfilets gekauft. Ich war, wie meistens, der Koch. Auf der Innenseite unseres großen Wohnraums befand sich die Küche, die ohne Wände direkt ins Wohn- und Esszimmer überging. Auf dem Sofa an der Fensterfront lag Fleur, wie es schien, mit geschlossenen Augen, völlig unbeteiligt am Geschehen. Es war zum Essen so weit alles vorbereitet bis auf die Filets, die noch gebraten werden mussten. Ich drehte mich einen kurzen Augenblick zum Herd an der Wand, und da war es auch schon geschehen: Blitzschnell war die „schlafende“ Fleur, die alles genau beobachtet und auch geplant hatte, im Moment meiner Unaufmerksamkeit vom Sofa auf die Anrichte gesprungen, hatte sich ein Filet gekrallt und war damit unter dem Sofa verschwunden, wo sie hastig fraß. Es gelang mir nicht, das Filet einigermaßen unversehrt zurückzubekommen. Wir mussten uns mit vier für fünf begnügen. Eine geschickte Diebin, wohl ein Erbe ihrer verwilderten Vorfahren.

Und das ist die zweite Episode: Das Nadelkissen

Von einem ihrer Spaziergänge in der Nachbarschaft brachte sie maunzend ein kleines rundes Nadelkissen voller bunter Nadeln mit nach Hause, offensichtlich stolz auf ihre Beute. Nun liegen ja Nadelkissen nicht so einfach in der Landschaft herum. Fleur musste wohl in eine Wohnung eingedrungen sein und es gestohlen haben. Vielleicht hatte sich auch jemand das Nadelkissen zurecht gestellt, um schnell etwas auszubessern, und dann war es plötzlich weg. Peinlich. Wir fragten rum, wem das Nadelkissen wohl gehören könnte. Aber niemand vermisste es, jedenfalls noch nicht. Da hatten wir nun ein dicht bespicktes Nadelkissen, und irgendwo würde es demnächst vermisst. Für die Person hätte es sich in Luft aufgelöst. Was soll man davon halten, wenn einem sowas passiert? Fängt man an, an seinem Verstand zu zweifeln? Wir konnten den Vorgang nicht aufklären. Ja, so war Fleur, klug, berechnend und diebisch, eben eine Halbwilde.

Fleur wird Mutter

Fleur fühlte sich wohl am Rande des Schwarzwalds, wo wir in Ebnet bei Freiburg ein Haus, abseits der Straße, bewohnten. Sie wuchs schnell heran, viel schneller als wir es uns wünschten. Man möchte ja so gerne die Welpenzeit verlängern und auskosten. Aber so sieht es die Natur nun einmal vor. Katzen werden schnell erwachsen. Anfangs verließ Fleur die Wohnung nur selten. Und weil es keine Katzenklappe gab, musste sie lautstark fordern, heraus- und hereingelassen zu werden. Damit hatte sie keine Probleme. Ihre Erziehungsmethoden waren überhaupt sehr autoritär, im Gegensatz zu unseren. Sie hat uns mit Zuckerbrot und Peitsche dressiert und das sehr schnell. Als sie zum ersten Mal rollig wurde, konnte sie gar nicht schnell genug rauskommen. Nur zum Fressen kam sie hin und wieder kurz in die Wohnung. Wollte sie dann wieder gehen, und wir spurteten nicht, konnte sie recht giftig werden. Dann bestrafte sie uns z.B. dadurch, dass sie einfach mal in die Wohnung pinkelte, obwohl die Toilette sauber bereitstand. Unter diesem Bestrafungsverhalten, das wir an keiner Katze je wieder erlebt haben, sollten wir später noch häufiger leiden. Wir ließen sie also raus, obwohl wir wussten, was kommen würde. Einige Tage lang sahen wir sie nur kurz zum Fressen, so dass wir manchmal fürchteten, sie könnte unter ein Auto gekommen sein. So war es aber nicht. Als Exotin aus Algerien, mausgrau mit flaschengrünen Augen, fanden die deutschen Kater sie offensichtlich besonders attraktiv. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Jedenfalls konnten wir nach einigen Wochen erkennen, dass Fleurs Bäuchlein wuchs, was weniger am guten Futter lag. Einige Wochen später, Fleur war schon dick und rund, zogen wir um, näher nach Freiburg, weil ich im Glottertal eine Stelle angetreten hatte. Wir zogen ein in ein dreistöckiges Haus, viel Platz für uns drei Menschen plus Hund Xandra und Fleur. Wenn wir außer Haus waren, musste sie die Wohnung verlassen, und wir schickten sie nach unten in den Heizungskeller, der ein offenes Fester nach draußen hatte. So war sie frei, zu gehen und zu kommen, wann sie wollte. Merkwürdig und überraschend war dann aber, dass wir sie trotzdem mehrfach in der Wohnung antrafen, wenn wir nach Hause kamen. Anfangs erklärten wir uns das mit Gedächtnislücken, bis wir dahinterkamen, dass sie die schwere, brandsichere Heizungstür öffnen konnte. Sie hängte sich an den Griff, bis die Türe aufsprang. Unglaublich. Das aber sollte erst der Anfang ihrer Intelligenzbeweise sein. Als sie dann fast zu platzen drohte, war mir klar, nun würde sie bald ihren Nachwuchs bekommen. Kurz davor ließ sie mich keinen Augenblick mehr aus den Augen. Wohin ich auch ging, sie folgte mir. Sie wäre mir auch in die Schule gefolgt, wie damals in Algerien. Jetzt lief sie immer wieder vor mir die Treppen rauf und lockte mich, ihr zu folgen. Kam ich ihr nach, lief sie weiter nach oben. Offensichtlich wollte sie mich in die Mansarde führen. Ging ich wieder runter, war sie mir auf den Fersen. Es wurde Nacht, wir gingen schlafen. Am nächsten Morgen: keine Jungen. Fleur tat mir leid, aber nun musste ich zur Schule. Als ich mittags heimkehrte, war immer noch kein Nachwuchs da. Sie hatte auf mich gewartet und die Geburt verschoben. Und nun begann dasselbe Spiel: Die Treppen rauf, die Treppen runter. Irgendwann zog ich die Konsequenz und richtete ihr in einem kleinen, dunklen Stauraum unter dem Dach einen Karton mit Handtüchern ein. Den schaute sie sich an und war sofort damit einverstanden. Als ich aber wieder runter ging, weil ich dachte, sie käme nun alleine klar, folgte sie mir wieder. So ging das weiter bis zum Mittag des nächsten Tages. Erst da fiel bei mir der Groschen. Sie wollte mich bei der Geburt dabei haben. Wie muss sie sich gequält haben, mir das verständlich zu machen. Wie konnte sie die Geburt zwei Tage lang hinauszögern? Und was für ein Vertrauensbeweis. Jetzt blieb ich bei ihr. Zufrieden legte sie sich hin, überglücklich, dass ich nun bei ihr war. Das ließ sich nicht überhören. Sie schnurrte so laut wie ein Tiger. Lange hat es nicht gedauert, vielleicht eine halbe Stunde, dann kamen die ersten Wehen, und alles ging danach sehr schnell. Das erste Minikätzchen flutschte heraus. Feuerrot. Ich habe ihr ganz spontan gesagt: „Ich bin aber nicht der Vater“, weil ich selbst rote Haare hatte. Ich taufte ihn sofort Rufus, den Roten. Inzwischen war sie mit der Nabelschnur beschäftigt. Die kaute sie so gekonnt ab, als hätte sie nie etwas anderes getan. Zwei Zentimeter bleiben stehen. Ich hatte das zuvor noch nie beobachtet. Mir waren inzwischen die Beine eingeschlafen, und ich musste den niedrigen Raum verlassen. Siehe da, jetzt ließ sie mich gehen. Sie braucht mich nun nicht mehr, das Schlimmste für sie war wohl überstanden. Als ich sie nach einiger Zeit in ihrer Höhle besuchte, lagen da fünf kleine, noch etwas nasse Katzenkinder, die sie fleißig beleckte und die bereits auf der Suche nach der Milch waren oder schon angedockt hatten und tretelten. Alle putzmunter und gesund, und eines schöner gefärbt als das andere: gestreift fast wie ein Tiger, ein anderes gemustert wie ein Ozelot, rot und schwarz und grau. Jedes eine kleine Persönlichkeit. Die innige Beziehung zu Fleur und nun die Kleinen: Ich war überglücklich und Fleur auch und alle, die zur Familie gehörten. Ich war bis heute bei vielen Katzengeburten anwesend, wurde aber nie mehr gerufen wie von Fleur.

Fleur Zeichnung 4

 Es folgte für uns alle eine wunderschöne Zeit. Das Wachsen der Kleinen, das Öffnen ihrer Augen und die Eroberung der Umgebung. Fleurs Fürsorge, die immer wieder die Winzlinge gekonnt zurück ins Nest trug, wenn sie sich verirrt hatten und laut um Hilfe riefen. Später schleppte sie eines nach dem anderen nach unten in die Wohnung und auch wieder zurück, irgendwann sogar auf die Terrasse in die Sonne. Bald tobten sie durch die ganze Wohnung, über Stühle und Polstersessel und auch die Gardinen hoch bis unter die Decke. Dann schrien sie jämmerlich, und wir mussten sie retten. Nichts ist unterhaltsamer als das Spielen kleiner Katzen, da kommt Fernsehen nicht mit. Zehn Wochen waren wie im Fluge vergangen, für unser Empfinden viel zu schnell, und die Kleinen waren nun schon recht groß. Wir mussten sie abgeben, traurig und glücklich. Für alle haben wir einen tollen Platz gefunden, bis auf den roten Rufus, Fleurs Erstling, und ihre Tochter Isabelle, die blieben bei uns.

Fleur Zeichnung 5

Fleurs Sohn Rufus

… der Sohn von Fleur, war ein Traumkater, immer freundlich und schmusig und von allen heiß geliebt. Dass er auch Krallen hatte, fiel ihm nicht ein und uns nicht auf, ganz anders als bei seiner Mutter, bei der man nie sicher war, wann sie die Krallen ausfahren und zuschlagen würde. Seine Intelligenz stand der von Fleur in nichts nach. Er schaute genau hin, wie eine Türe geöffnet wurde und machte es nach. Er beobachtete, wohin wir das Futter – damals immer auch mal Trockenfutter – versteckten und fand garantiert den Zugang. Auch der Kühlschrank war nicht sicher. Die Butter auf dem Tisch, Fleisch, Wurst oder Käse durften wir nicht aus den Augen lassen. Er war unglaublich schnell und nutzte jede Gelegenheit – nicht immer lustig. Wenn er merkte, dass er die Wohnung verlassen sollte, er aber nicht wollte, fand er garantiert ein Plätzchen, sich so geschickt zu verstecken, dass wir länger suchen mussten, bis wir ihn fanden. Das Versteckspiel beherrschte Fleur mit ihrer grauen Farbe aber noch besser. Vieles hätten wir Rufus noch beibringen wollen, und er hätte es sicher gelernt. Aber es blieb ihm und uns keine Zeit.

Wir fütterten damals bereits häufig rohes Fleisch, das wir in unserer Metzgerei kauften. Darunter auch Schweinefleisch. Von der Aujeszkyschen Viruserkrankung, der Scheintollwut, die über Schweinefleisch übertragen wird, wussten wir damals, vor 40 Jahren, noch nichts. Als dann Rufus anfing, klagend zu maunzen, stark zu speicheln und er seine Bewegungen nicht mehr richtig koordinieren konnte, waren wir sehr traurig. Wir brachten ihn zu unserem geschätzten Tierarzt und hatten Hoffnung auf Heilung. Aber es gab keine. Wir sahen ihn nie wieder. Er wurde sofort eingeschläfert. Der Tierarzt informierte uns über diese Krankheit. Rufus Ende war für uns ein Schock. Fleur, die dasselbe zu fressen bekommen hatte, erkrankte nicht. Rohes Schweinefleisch haben wir nie wieder gefüttert, wohl aber gekochtes, also auch das aus Dosen, denn gekocht gibt es keine Probleme. Schweinefleisch ist besonders für sensible Katzen ein ideales Futter – aber eben nur gekocht!

Fleur als Amme

Zwei Katzen lebten damals in unserem Haus. Fleur, unsere geliebte Afrikanerin, die Sie alle ja nun schon gut kennen, und ihre Tochter Isabelle, die ihren Namen wegen ihrer zauberhaften rosa Fellfarbe bekommen hatte. Diesmal erwarteten beide Nachwuchs, etwa zur selben Zeit. Darauf freuten wir uns. Als es soweit war, lockte Fleur mich erneut auf die Mansarde, wo sie ihre Jungen bekommen wollte; selbstverständlich musste ich wieder dabei sein. Das war gut so, denn es wurde eine schwere Geburt. Es waren nur zwei Junge, die ans Licht wollten, und die waren so groß, dass Fleur sie alleine nicht herausbekommen hätte. Mit ganz vorsichtigem Schieben und Ziehen in alle Richtungen habe ich ihr helfen müssen. Gemeinsam haben wir es geschafft, nichts ist gerissen. Einen Tag später bekam auch Isabelle ihre Jungen. Sie hatte sich einen Wäscheschrank ausgesucht, die nur angelehnte Türe geöffnet und sich dort in der Wäsche ein Nest gebaut, wo sie drei Junge zur Welt gebracht hat. Eine glückliche Mutter. Aber es war nur ein kurzes Glück. Zwei Tage später wurde Isabelle von einem Auto angefahren. Sie schleppte sich noch zu ihren Jungen nach Hause und ließ sie saugen. Doch dann verstarb sie dabei. Drei mutterlose winzige Kätzchen, blind und hungrig. Was nun? Erfahrung damit hatte ich ja mit Fleur gesammelt, die noch blind zu uns gekommen war – aber jetzt gleich drei? Da kam mir eine Idee. Oft hatte ich erlebt, wie eine Katzenmutter ein jämmerlich schreiendes Kätzchen, das man aus den Nest genommen oder das sich selbst entfernt hatte, im Nacken mit den Zähnen aufhob und ins Nest getragen hatte. Ja, so könnte es gehen; Fleur vortäuschen, eines ihrer eigenen Jungen habe sich aus dem Nest entfernt und müsse nun gerettet werden. Aber würde sich Großmutter Fleur mit diesem Trick überzeugen lassen, die drei Enkelchen zu sich zu holen und zu adoptieren? Ich habe es versucht und einen der Winzlinge auf eine Treppenstufe, nicht allzuweit weg von Fleurs Nest, hingelegt. Das hilflose Kätzchen fing sofort an, laut zu jammern. Besser konnte es nicht gehen. Ich beobachtete, wie verunsichert Fleur wurde, sie war ganz unruhig, wusste nicht, ob sie aufstehen oder liegenbleiben sollte. Offensichtlich hatte sie Zweifel? 

Fleur Zeichnung 6

Aber dann stand sie auf und lief die wenigen Stufen abwärts, beschnupperte das Junge, was ihr zuerst nicht ganz geheuer erschien, aber dann siegte der Mutterinstinkt. Sie nahm es auf und trug es ins Nest. Mir schlug das Herz höher. Ich dachte, was einmal gelungen ist, warum nicht auch dreimal. Ein paar Minuten habe ich gewartet und dann das zweite und danach mit Abstand das dritte Kätzchen auf die Treppe gelegt. Beide plärrten sofort laut um Hilfe. Fleur kam sofort, beschnupperte das Kleine – den fremden Geruch kannte sie jetzt schon – nahm es auf und trug es in ihr Nest. Fleur hatte nun fünf Junge, für sie kein Problem, sie war eine großartige Mutter. Alle fünf hingen nun zufrieden an ihren Zitzen und saugten kräftig Milch. Fleur hatte immer viel Milch. Übrigens: Keines wurde geimpft und keines entwurmt. Alle wuchsen zu wunderschönen gesunden Katzen heran und für jedes fanden wir, wie immer, ein gutes Zuhause. Viele Katzen haben unser Leben seitdem bereichert, und alle haben wir geliebt. Fleur aber war eine besondere Katze, einzigartig in ihrem Wesen, hochintelligent, extrem sensibel, dazu auch berechnend und nachtragend. Sie wird für immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben.

Ihr Klaus-Rainer Töllner

(© Zeichnungen – PerNaturam / mithilfe von KI erstellt)

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