Eiweiße und ihre Bedeutung in der Fütterung des Pferdes

02/J

Die Analysen der Heuqualität im Jahr 2024 zeigen leider wieder einen sehr niedrigen Proteingehalt, der noch unter den Werten der Vorjahre liegt. Dabei sind Eiweiße elementar für die Funktion und Gesunderhaltung des Pferdes. Müssen sich Pferdebesitzer Sorgen machen und besteht Handlungsbedarf?

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Der Proteinstoffwechsel: Aufnahme, Aufbau, Abbau und Ausscheidung

Eiweiße werden auch als Proteine bezeichnet, sie bestehen aus langen Ketten von Aminosäuren, die über Peptidbindungen miteinander verknüpft sind. Die Abfolge der einzelnen Aminosäuren in der Kette bestimmt die Art des gebildeten Proteins, der Bauplan hierfür ist in der DNA gespeichert. Die Aminosäureketten falten sich spontan zu dreidimensionalen Strukturen, welche die Funktion eines Eiweißes bestimmt. So können aus den bekannten Aminosäuren tausende verschiedene Eiweiße hergestellt werden. Proteine sind in jeder Zelle des Körpers zu finden, insgesamt sind so knapp 20 % der Körpermasse eines Pferdes Eiweiß.

Das Pferd nimmt Eiweiße in der Regel über Grünfutter, Raufutter oder Getreide wie Hafer auf. Die Eiweißverdauung beginnt bereits im Magen, wo unter Zuhilfenahme des Enzyms Pepsin erste Eiweißbruchstücke entstehen. Im weiteren Verlauf gelangen diese in den Dünndarm, wo sie durch Enzyme der Bauchspeicheldrüse zu Aminosäuren aufgespalten und in den Blutkreislauf resorbiert werden. Die Aminosäuren dienen als Grundlage zum Aufbau der verschiedenen Körpereiweiße. Hierzu gehören vor allem die Muskulatur, Organe und Bindegewebe, aber auch Blut, Fell, Hormone und Enzyme. Weiterhin werden Aminosäuren zur Herstellung von Antikörpern benötigt, die als Immunglobuline ein wichtiger Bestandteil der Immunabwehr sind. Auch für Heilungsprozesse und für die permanente Regeneration eiweißhaltiger Gewebe wie Haut und Schleimhäute werden Aminosäuren benötigt.

Die gesamte Eiweißmasse des Körpers ist einem permanenten Auf- und Abbau unterworfen. Es werden kontinuierlich alte Eiweiße abgebaut und zum Teil recycelt, um neue Proteine daraus zu bilden. Bei Eiweißmangel kann der Körper den Abbau zwar etwas reduzieren, jedoch nicht komplett unterbinden. Somit müssen lebenslang und permanent neue Eiweiße mit dem Futter aufgenommen werden. Beim Abbau der Proteine entsteht giftiges Ammoniak, welches in der Leber zu Harnstoff umgewandelt und über den Urin ausgeschieden wird. Je höher die aufgenommene Eiweißmenge, umso größer ist auch die Harnstoffmenge, die über die Nieren ausgeschieden werden muss.

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Sind alle Aminosäuren gleich wichtig?

Gewisse Aminosäuren gelten als essenziell (unentbehrlich) und müssen unbedingt mit der Nahrung zugeführt werden. Zu den essenziellen Aminosäuren beim Pferd gehören Methionin, Lysin, Tryptophan, Leucin, Isoleucin, Phenylalanin, Histidin, Threonin und Valin. Wenn nur eine dieser Aminosäuren dem Organismus nicht ausreichend zur Verfügung steht, wird der gesamte Proteinaufbau behindert. Manche der essenziellen Aminosäuren werden beim Pferd zwar im Dickdarm durch die Dickdarmbakterien produziert, doch hier können diese Aminosäuren nicht aufgenommen werden und stehen dem Körper somit nicht zur Verfügung. Einige der essenziellen Aminosäuren gelten zudem als limitierende Aminosäuren. Beim Pferd sind Lysin, Methionin und Threonin limitierende Aminosäuren, da sie im Verhältnis zum Bedarf am wenigsten im Futtermittel enthalten sind. Der Körper kann insgesamt nur so viel Eiweiß aufbauen, wie es die Menge der limitierenden Aminosäuren gestattet.

Gängige Proteinbewertungssysteme

Die in einem Futtermittel enthaltene Menge an Rohprotein kann bei industriell hergestellten Futtermitteln dem Aufdruck auf der Verpackung entnommen werden. Allerdings sagt dieser Wert nichts über die Qualität der enthaltenen Eiweiße aus. Von vielen Autoren wird daher empfohlen, beim Pferd das präcaecal verdauliche Protein (Synonyme: DXP, dvRP, pcv XP oder verdauliches Protein) als Maßstab anzusetzen, also nur die Eiweißmenge, die im Dünndarm tatsächlich aufgespalten und aufgenommen wird. Die Verdaulichkeit wird als Anteil an Rohprotein in Prozent angegeben.

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Der Proteinbedarf ist stark individuell

Der Eiweißbedarf des Pferdes ist von verschiedenen Faktoren wie der Haltungsform, dem Gewicht, der Rasse, der Jahreszeit oder der individuellen Futterverwertung abhängig und beträgt ca. 0,5 bis 1 g verdauliches Protein pro kg Körpergewicht. Ein Pferd mit einem Gewicht von 500 kg sollte demnach 250 bis 500 g verdauliches Protein pro Tag aufnehmen. Der Bedarf steigt bei tragenden oder laktierenden Stuten, im Wachstum, bei schwerer körperlicher Arbeit und im Zuchteinsatz. Die empfohlenen Mengen sollten langfristig nicht grob überschritten werden, da durch eine erhöhte Harnstoffproduktion der Stoffwechsel des Tieres belastet wird und Störungen auftreten können. Ab einer Fütterung von mehr als 2 g verdaulichem Protein pro kg Körpergewicht ist mit Symptomen eines Eiweißüberschusses zu rechnen, der sich in einer Erhöhung der Trinkmenge, einem Anstieg des Harnstoffwertes im Serum und in Verdauungsstörungen und Leistungseinbußen zeigen kann. Im Gegensatz dazu führt Eiweißmangel zu Wachstumsstörungen und Leistungsverlust, schlechter Heilung und zu einer Schwächung des Immunsystems.

Zu beachten ist, dass bei leber- und nierenkranken Tieren eine Proteinrestriktion notwendig sein kann, die mit einem Therapeuten abgestimmt werden sollte. Bei übergewichtigen Pferden, die eine Reduktionsdiät benötigen, dürfen keinesfalls die Eiweiße in der Nahrung reduziert werden, damit das Pferd keine Muskulatur abbaut.

Analysen der Heuernte 2024 zeigen niedrige Proteingehalte

Der Proteingehalt von Heu ist abhängig von der botanischen Zusammensetzung und vom Entwicklungsstadium der enthaltenen Pflanzen. Ein hoher Anteil an jungen Gräsern, Klee, Luzerne und Kräutern sorgt für einen hohen Eiweißanteil mit guter Verdaulichkeit und für einen geringen Rohfaseranteil. Spät geschnittenes Heu von artenarmen Wiesen beinhaltet hingegen einen hohen Rohfaseranteil und einen geringen Eiweißgehalt. Die Analysen der Heuqualität im Jahr 2024 zeigen einen sehr niedrigen Proteingehalt. So hat die Landwirtschaftliche Untersuchungs- und Forschungsanstalt (LUFA) Nord-West für 2024 eine durchschnittliche Menge von 4,5 % verdaulichem Protein in der Trockensubstanz ermittelt, während es im Jahr 2020 noch 5,9 % waren. Der Wert lag in den 1600 Heuproben zwischen 2,0 und 8,5 % und war somit riesigen Schwankungen unterworfen. Wichtig zu wissen ist auch, dass bedampftes Heu noch deutlich weniger Eiweiß liefert, da die Aminosäuren im Heu bei der Behandlung mit heißem Wasserdampf Komplexe mit Zuckern bilden, was die Verdaulichkeit weiter reduziert. Es kann daher in bestimmten Situationen notwendig sein, reine Heurationen durch zusätzliche Eiweißkomponenten aufzuwerten, um eine ausreichende Proteinversorgung zu gewährleisten.

Eine kritische Betrachtungsweise

Früher standen unsere Pferde auf artenreichen Wiesen, auf denen im Idealfall bis zu 100 verschiedene Pflanzenarten vertreten waren. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass artenreiches Grünland mit Wildkräutern auf unbehandelten Böden in den letzten Jahrzehnten um 85 % abgenommen hat. Stattdessen dominiert heute artenarmes, intensiv gedüngtes Grünland mit energiereichen Pflanzenarten. Dies macht sich auch in der Heuqualität bemerkbar und stellt manch Pferdebesitzer vor Herausforderungen bei der Eiweißversorgung seines Tieres.

In der Pferdefütterung werden zur Aufwertung eiweißarmen Grundfutters häufig energie- und stärkereiche Eiweißträger wie Sojaextraktionsschrot, Erbsenproteinisolat oder gar Molkenproteinkonzentrat eingesetzt, die oft mit künstlichen Vitaminen angereichert sind. Doch bietet Industriefutter hier wirklich die perfekte Lösung? Immerhin handelt es sich um hochverarbeitete Produkte, die nicht dem natürlichen Nahrungsspektrum eines Pferdes entsprechen. Der Verdauungstrakt dieser Tiere ist an rohfaserreiche Nahrung angepasst, da sie dem Pferd als Energielieferanten dient. Bei empfindlicher Verdauung kann es bei Fütterung dieser Erzeugnisse zu Blähungen und Durchfall kommen, die durch eine Verschiebung der Darmflora ausgelöst wird. Auch die Gefahr einer zu hohen Proteinzufuhr steigt beim Einsatz solcher Produkte und es werden als Folge Eiweiße als Energiequelle vom Körper genutzt. Der Körper eines Pferdes ist hierauf jedoch nicht eingestellt, so dass Leber und Niere durch den Zwang zur energieaufwändigen Umwandlung und Ausscheidung von Harnstoff strapaziert und belastet wird und das Tier erkrankt.

Die Begrifflichkeiten gängiger Proteinbewertungssysteme entstammen der Tiermast, in der es vorrangig um Muskelzuwachs und Reproduktion geht. Sie wurden unreflektiert auf das Steppentier Pferd übertragen, dessen Verdauungstrakt eher auf karge Nahrung eingestellt ist. Doch auch die naturnahe Pferdefütterung hält hochwertige Eiweißkomponenten bereit. So eignen sich Esparsette, Luzerne oder Kräutermischungen bestehend aus Gräsern, wertvollen Kräutern und Samen als natürliches Ergänzungsfuttermittel, welche reich an wertvollen Aminosäuren, jedoch arm an Zucker und Stärke sind – genau so, wie es die Natur vorgesehen hat.

Quellen: https://www.lufa-nord-west.de/index.cfm/action/downloadcenter.html?n=9

Paard

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