02/J
Viruserkrankungen beim Pferd – Equine Herpesviren
Im Februar 2021 kam es bei einem großen Reitturnier im spanischen Valencia zu einem folgenschweren Ausbruch equiner Herpesviren, aufgrund dessen leider auch fünf Turnierpferde aus deutschen Reitställen verstorben sind. Es mussten umfangreiche Infektionsschutzmaßnahmen ergriffen werden, um eine Verbreitung der Viren nach der Heimreise in andere Länder zu unterbinden. Außerdem wurden über viele Wochen alle Pferdesport- und Zuchtveranstaltungen abgesagt. Die meisten Menschen denken beim Herpesvirus an kleine und meist ungefährliche Lippenbläschen, die in der Regel schnell von allein wieder abheilen. Was macht diese Viren beim Pferd so gefährlich und welche Folgen kann eine Infektion für die betroffenen Tiere haben?
Die Familie der Herpesviren
Die Familie der Herpesviren ist eine weltweit und bei nahezu allen Tierarten vorkommende Erregerart. Herpesviren benötigen keinen Vektor (Überträger), die Infektion erfolgt über Inhalation (Tröpfcheninfektion) oder über den Kontakt mit Schleimhaut (Kontakt- bzw. Schmierinfektion). Das Virus gelangt durch Verschmelzung der Virushülle mit der Zellmembran in den Körper. Herpesviren haben sich ihrem Wirt ausgezeichnet angepasst und umgehen das körpereigene Immunsystem mittels äußerst effizienter Strategien. Es existieren nach derzeitigem Kenntnisstand drei Unterfamilien, die als Alpha-, Beta- und Gammaherpesviren bezeichnet werden und insgesamt etwa 170 Erreger umfassen. Beim Pferd sind bislang neun Virustypen nachgewiesen, die vor allem wegen ihrer unterschiedlich krankmachenden Wirkung (Pathogenität) voneinander abgegrenzt werden müssen. Besonders die Herpesviren von Typ 1 (EHV-1) und Typ 4 (EHV-4) sind hochinfektiös und klinisch relevant, da sie zu schwerwiegenden Symptomen führen können. Auf diese beiden Virusarten soll daher im Folgenden näher eingegangen werden.
Allgemeines zu Herpesviren von Typ 1 und 4
Sowohl EHV-1 als auch EHV-4 gehören zur Unterfamilie der Alphaherpesviren. Sie zählen zu den größten bekannten Viren und unterscheiden sich vom Aufbau kaum voneinander. Unter dem Elektronenmikroskop gleichen sie einer Spule, um welche die doppelsträngige DNA aufgewickelt ist. Die Virushülle besteht aus einer fett- und eiweißhaltigen Hülle (Lipoproteinhülle), besonders der Fettgehalt der Hülle macht die Viren empfindlich gegenüber Reinigungs- und Desinfektionsmitteln. Auf der Außenseite der Hülle ragen winzige Fortsätze heraus, die sogenannten Spikes. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Infektion, da sie den Eintritt von Viren in die Schleimhautzellen erleichtern. Etwa 60 % bis 80 % der Pferde werden vor ihrem 2. Lebensjahr mit den Viren infiziert. Der Zeitraum zwischen der Ansteckung und dem ersten Auftreten von Symptomen (Inkubationszeit) beträgt dabei etwa 2-10 Tage. Bei Herpesviren von Typ 1 und 4 spielt in der Praxis die Übertragung über das Nasensekret erkrankter Pferde die größte Rolle. Die Weitergabe von Viren ist aber auch über die Hände und den Kontakt mit Oberflächen von Trögen, Eimern, Tränken und sogar Kleidung möglich. Beide Virustypen sind relativ wärmeempfindlich. Bei Außentemperaturen von 4 Grad sind die Viren auf Oberflächen bis zu 7 Monate infektiös für andere Pferde, zwischen 20 und 30 Grad Celsius sind es bis zu 48 Tage, bei 40 Grad Temperatur nur einige wenige Tage. Dies ist auch mit ein Grund, warum Herpesinfektionen gehäuft im Winter auftreten.
Das Equine Herpesvirus Typ 1
Der Erreger EHV-1 spielt in der Pferdehaltung eine besonders große Rolle, da eine Infektion schwere Symptome und auch hohe wirtschaftliche Verluste nach sich ziehen kann. Neben Equiden wie Pferd, Esel, Maulesel und Maultier kann das Virus unter anderem auch Lamas, Alpakas und Meerschweinchen befallen. Nach der Aufnahme von Erregern in die Schleimhautzellen von Nase oder Rachen beginnen diese sich lokal zu vermehren, was in den Atemwegen zu einer entzündlichen Reaktion mit Symptomen wie Husten und wässrigem oder eitrigem Nasenausfluss führt. Auch die Augenschleimhaut kann in Form einer Bindehautentzündung (Konjunktivitis) betroffen sein. Das Schleimhautsekret ist für etwa 14 Tage hochinfektiös und somit stark ansteckend für andere Pferde. Wenn nur das Atmungssystem betroffen ist, gilt die Prognose als gut und die Infektion heilt ohne Komplikationen aus.
Bei schweren Verläufen können die Viren jedoch auch in die Lymphknoten der Atemwege wandern, von wo aus sie über den Lymphkreislauf in andere Organe und in den Blutkreislauf gelangen (Virämie). Zu diesem Zeitpunkt werden die Tiere oft mit Fieber bis 41 Grad Celsius, Appetitlosigkeit und schlechtem Allgemeinbefinden auffällig. Im weiteren Verlauf der Erkrankung kann es zu Schäden an den Zellen, welche die Blutgefäßwände auskleiden (Endothelzellen), kommen. Hiervon sind beim Pferd die Blutgefäße betroffen, die das zentrale Nervensystem und die Gebärmutterschleimhaut versorgen. Als Folge davon erleiden tragende Stuten oft eine Fehlgeburt (Abort), welche gehäuft im letzten Drittel der Trächtigkeit auftritt. Aborte können auch noch mehrere Wochen nach einer Infektion auftreten, wenn andere Symptome längst abgeklungen sind. Noch lebend geborene Fohlen, die bereits im Mutterleib infiziert wurden, erkranken meist innerhalb der ersten Lebenstage schwer und haben eine schlechte Überlebensprognose.
Eine weitere gefürchtete Komplikation ist die sogenannte Equine Herpesvirus Myeloenzephalopathie (EHM). Im Rahmen der EHM entwickelt sich ein neurologischer Krankheitsverlauf, der bis zu 30 % der Pferde betrifft. Durch Gefäßentzündungen und durch die Bildung von Blutklumpen (Thrombosen) kommt es bei den betroffenen Tieren zur Schädigung von Gehirn und Rückenmark. Auffällig sind bei diesem Verlauf Gang- und Koordinationsstörungen, Kopfschiefhaltung, Lähmungen, die vor allem die Hinterhand betreffen, sowie Harn- und Kotabsatzstörungen. Die schweren Symptome machen häufig eine Euthanasie des Pferdes erforderlich. Generell tritt die EHM eher bei älteren Pferden über 20 Jahre auf. Ein neurologischer Verlauf ist auch ohne vorherige Atemwegssymptomatik möglich.
Abgrenzung zum Virustyp 4
Anders als beim Herpesvirus Typ 1 sind für den Typ 4 ausschließlich Equiden empfänglich. Die Infektion mit EHV-4 verläuft zunächst recht ähnlich wie eine Infektion mit EHV-1. Auch hier gelangt das Virus über Kontakt- oder Tröpfcheninfektion auf die Schleimhäute der Atemwege und führt dort zu einer Entzündung mit Fieber, Husten, Nasenausfluss und geschwollenen Lymphknoten. Fohlen und Jungpferde können auch schwerwiegender erkranken und eine Bronchitis oder Lungenentzündung entwickeln, vor allem bei Beteiligung weiterer meist bakterieller Erreger. Im Unterschied zu EHV-1 bleibt die Infektion aber meist auf die Atemwege begrenzt und breitet sich nicht weiter im Körper aus. Die Komplikationsrate ist somit bei dieser Infektion deutlich niedriger, da neben dem Atmungstrakt in der Regel keine weiteren Organe betroffen sind. In sehr seltenen Fällen kann es auch bei einer Infektion mit EHV-4 zum Abort oder zum neurologischen Verlauf kommen, es handelt sich hier jedoch um Einzelfälle.
Virusstrategien zur Umgehung des Immunsystems
Zu den für beide Erreger charakteristischen Eigenschaften gehört der Übergang in eine Latenzphase, die Jahre oder auch lebenslang andauern kann. Die Latenzphase ist der Zeitraum, in welchem sich das Virus im Körper nicht vermehrt und somit auch nicht vom Immunsystem aufgefunden werden kann. Die Viren ruhen in dieser Zeit also im Organismus ohne Krankheitssymptome auszulösen. Herpesviren von Typ 1 und 4 ruhen vor allem in den Knoten des Nervensystems (Ganglien), aber auch in den Lymphknoten des Atemtraktes. Während der Latenzphase können keine Viren in Blut oder Nasensekret nachgewiesen werden. Durch innere oder äußere Reize, die zu einer Unterdrückung des Immunsystems (Immunsuppression) führen, wird das Virus reaktiviert und beginnt wieder mit der Vermehrung. Innere Reize können Stress, Fieber, Trächtigkeit, andere Erkrankungen oder hormonelle Schwankungen sein. Zu den äußeren Reizen zählen die Gabe von Kortison, starke körperliche Anstrengung (Turnierbelastung, Zuchteinsatz), Operationen, Transport oder Umstallung. Reaktivierungen der Erreger verlaufen häufig klinisch unauffällig oder mit leichten Symptomen. Die Tiere scheiden jedoch Herpesviren über das Nasensekret aus und sorgen so durch Neuinfektion anderer Pferde für eine Weiterverbreitung.
Nach einer durchgemachten Erkrankung sind die Pferde für etwa 3-6 Monate vor einer Neuinfektion geschützt. Da sich die beiden Erreger vom Aufbau her so sehr ähneln, besteht eine Kreuzimmunität, so dass Pferde nach einer Infektion mit einem der Erreger auch gegen den anderen geschützt sind. Nach dieser Zeit sind neben einer Reaktivierung latent vorhandener Erreger auch Neuinfektionen mit Herpesviren möglich. Es wird vermutet, dass mindestens 60 % der Pferde in Deutschland latent mit Herpesviren infiziert sind.
Maßnahmen
Infektionen mit Herpesviren beim Pferd sind in Deutschland nicht anzeige- oder meldepflichtig. Wie bei den meisten anderen Viruserkrankungen auch, so erfolgt auch die Therapie bei Herpesinfektionen meist eher symptomatisch. Einige Studien weisen darauf hin, dass die prophylaktische Gabe von Heparin das Auftreten der neurologischen Verlaufsform minimieren kann. Pferde, die Symptome zeigen oder bei denen Erreger nachgewiesen wurden, müssen umgehend isoliert und der Stall unter Quarantäne gestellt werden. Die Gefahr der Ansteckung untereinander kann stark verringert werden, indem der Nasenkontakt zwischen den Pferden unterbunden wird. Dies kann zum Beispiel mittels einer Holzplatte erreicht werden, die zur Stallgasse hin vor den Gitterstäben der Boxen angebracht wird. Infizierte Pferde müssen vom Personal immer unter strengen Hygieneregeln nach den gesunden Tieren versorgt werden. Insgesamt sollte der Personenverkehr im Stall möglichst reduziert werden, um ein Übergreifen der Infektion auf andere Ställe oder Zuchtbetriebe zu unterbinden. Der Schutz tragender Stuten muss oberste Priorität haben. Sollte es bei einer Stute zur Fehlgeburt kommen, muss beachtet werden, dass auch Nachgeburten, Fruchtwasser und abortierte Feten als Infektionsquellen gelten und sofort entfernt werden müssen. Die Quarantäne sollte bis mindestens 28 Tage nach dem Auftreten der letzten Erkrankung im Stall andauern.
Trotz all dieser Maßnahmen sorgt die Fähigkeit zur Latenz dafür, dass eine Eliminierung von Herpesviren in der Pferdepopulation nahezu ausgeschlossen ist. Ein Immunsystem, welches stark genug ist, natürlich vorkommende Erreger unter Kontrolle zu halten, ist der beste Schutz für unsere Pferde. In dem Teil Pflanzliche Helfer bei Viruserkrankungen der Blogserie erfahren Sie, wie Sie Ihr Tier bei Virusinfektionen unterstützen können.
Hier finden Sie Beiträge zu den Themen
Viruserkrankungen beim Pferden – Grundlagen
West-Nil-Virus
Influenza
Borna-Krankheit


